Die weiße Rose Rezension

Früher einmal, vor vielen Jahren, schenkte mir meine beste Freundin eine Kassette mit einer erschütternden Musik: Die weiße Rose, von Udo Zimmermann. Kurz vorher hatten wir im Theater `Ich trug den gelben Stern´, gesehen, und auch das Tagebuch der Anne Frank und die Geschichte der Geschwister Scholl hatte ich gerade erst gelesen und viele andere Bücher, die sich mit der Verfolgung, dem Widerstand und dem Leben im Nationalsozialismus befassten. Doch ich verstand die Musik nicht. Sie erschien mir unwirklich und fremd, die Musik und der Inhalt, den sie ausdrücken wollte, verbanden sich mir zu keiner sinnvollen Gestalt. Ich schämte mich, denn ich begriff, ich verstand nichts von moderner Musik. Ich bedauerte das sehr, war aber überzeugt, es eines Tages noch lernen zu können. Und deshalb bewahrte ich die Kassette über 20 Jahre lang auf, verwahrte sie sorgfältig, trug sie von Umzug zu Umzug mit mir. Da war es also kein Wunder, dass ich sofort wusste, um was es ging, als ich vor sechs Wochen in der Stralsunder Fußgängerzone die Ankündigung lese: Die weiße Rose, Szenen für 2 Sänger und 15 Instrumentalisten von Udo Zimmermann. Da ist sie endlich, dachte ich, die Gelegenheit, vielleicht werde ich nun verstehen…und ich war sehr neugierig.

Gefängnis München Stadelheim

Im Programmheft: Traumgebilde, visionäre Bilder, Selbstgespräche, betrachtende Monologe: 16 assoziativ aneinandergereihte Szenen. Ort: Gefängnis München Stadelheim. Zeit: 22.Februar 1943, eine Stunde vor der Hinrichtung von Hans und Sophie Scholl. Handlung: Bilder, Gedanken, Lebenssehnsucht, Todesangst während dieser Stunde. Das Stück wahrt die  aristotelische Einheit von Ort, Zeit und Handlung. Der Saal lässt in der Mitte einen viereckigen Raum frei, um den hölzerne Zuschauerreihen, einander gegenüber, emporenhaft aufgebaut sind. Ich bemerke es nicht gleich, weil dieses Viereck im Dunkeln liegt, aber da sitzen welche, zwei Menschen auf voneinander abgekehrten Stühlen, die Augen mit einer schwarzen Augenbinde verbunden, eine Frau und ein Mann. Auf dem Boden ein Teppich grüner, wie eben zu Boden gefallene Blätter, die um die Stühle jeweils ein Viereck ausgespart lassen wie eine Zelle, die imaginäre Wände zieht.

Kein Schrei – Nur Schweigen

Plötzlicher Anfang, die Zuschauer erstarren: „Tief unter uns kein Schrei, nur Schweigen“ beginnen sie, deklamierend, anklagend:„.nur Schweigen,…nur Schweigen“  Töne wie Schläge prasseln auf ihre sich krümmenden Rücken. Mühsam richten sie sich dagegen auf, reißen die Binden von ihren Augen, schreien, sinken zusammen, dann singt Sophie, leise: „Ich entschlafe, ich entschlafe…“ , gleich darauf Hans: „Wachbleiben! Wachbleiben!, sie rufen es sich gegenseitig wie eine Ermahnung zu, dann wieder singt es aus ihnen heraus: „Ich entschlafe…“. ein Wechselspiel von Leben und Tod, ich entschlafe,…wachbleiben! „ ..wachbleiben, wenn unser Herz auf seinen Heimweg geht. Sie frieren, zittern bei sanftesten Tönen. Hans springt plötzlich auf: „Schießt nicht!“, er schreit, zieht sich das Hemd aus, wirft es auf den Boden, es ist blutig, als er es wieder aufnimmt. Er ruft: „Steh auf und räche“, er beugt sich zum Hemd hinab: „Steh auf und räche! Er blickt in die Ferne: “ Ein Zug rollt weiter“ Sophie: “ Das es das gibt, das es das alles gibt!“ sie singt: „Angst!“, tastet auf dem Boden umher, flüchtet auf den Stuhl. Kriecht in sich zusammen, klettert auf den Stuhl, richtet sich auf ihm empor, hebt die Arme zum Himmel, fleht, klagt an: „Das es das alles gibt!“

Siehst du denn die Verzweiflung nicht?

Er: Siehst Du denn die Verzweiflung nicht, in der Du schon erstickst? Sie: Lass mich zum Wasser gehen, die Füße in den Eisbach legen.  Er: “Nicht – dort liegen Tote, Leichen schwemmt es an!“  Er sinkt auf die Knie, umarmt sie, sie streichelt sein Haar. „Das es das gibt!“ singt sie wieder, „Ich dachte der Mensch hat kein Herz mehr!“ Wo fahren die Wagen hin? In den Himmel! Und Kinder steigen sehend ein. In den Himmel!“ Sie nimmt eine Puppe und tanzt mit ihr: „Sie weinen nicht, sie schreien nicht,…“ sie schwingt die Puppe hektisch: „….können nicht Abschied nehmen!“  Lauter: „…nicht Abschied nehmen.“  Die Musik schwillt an, donnert, brüllt, bricht plötzlich ab, wird leise. Er:“ Der Mond scheint, die Straße ist leer,…kein Mensch lebt..“  „Der Mond scheint, die Straße ist leer, kein Mensch lebt!!“ Sie zerstört die Puppe, indem sie erst die Arme dann die Beine herausdreht und fortwirft..

Eine Mauer gebaut

Beide singen: „Wir haben eine Mauer aufgebaut, Tag für Tag, Nacht für Nacht, Mord für Mord, eine Mauer aus Schweigen!“ Hans hebt die hand zum Hitlergruß: „Tag für Tag in der unendlichen Stille, rot werden die Wände…, das Bünenbild rötet sich passend zu den Worten, dann verbindet Hans seinen Mund mit der schwarzen Binde und setzt sich. Das Licht fällt auf Sophie, sie blickt angstvoll um sich, rutscht auf dem Stuhl hin und her, ruft:“…die Angst, die Tür, der Spalt, die Dunkelheit!“ Der Stuhl wirkt wie die Zelle, in der sie hin und herläuft und keinen Ausgang findet, sie wirft den Körper und den Kopf herum, hin und her, aber bleibt auf dem Stuhl wie gefangen, die Musik flattert, rast, sie singt:           „ ..Hände greifen, würgen“, sie schreit.  Dann: „Verharren an der Tür meiner Zelle Schritte? “Lauf weg!“, Lauter: “Lauf weg!“ Die Musik tobt.

Wie Laub fällt alles von mir ab

Sie singt weiter, bleibt wie auf den Stuhl gefesselt: “Schritte?, nah?, nah!“„ Kommt doch mich zu holen, kommt doch! Kommt doch mich zu holen!“ Die Musik begleitet den Umschlag von Verzweiflung in Wut: „So kommt doch!!!!!“ Sie schreit es ohrenbetäubend heraus. Die Musik verebbt, wird leise, das Licht schwenkt wieder auf Hans: „ Sie haben ihr das Haar geschoren!“ Sophie liegt am Boden: „Der Himmel unter dem wir standen…man könnte glauben, alles gehe unter und doch steht dort ein Mond!“ Sie blickt auf. Flöte, Querflöte, sanfteste Töne, weich, Altflöte kommt hinzu, Holzbläser. „Einmal möchte  ich noch durch unsere Wälder laufen“ Bei diesen Worten bedeckt sich Sophie mit einem Brautschleier, der sie umhüllt wie ein Totenhemd, sie drückt den auf den Schleier aufgesteckten Blumenkranz an sich: “Einmal noch möchte ich mit dir auf einer Insel sein,…, auf der ich tun und lassen könnte, was ich will“, singt sie, sie liegt, krümmt sich: „ …noch einmal in deinen Armen liegen!!!“… Ein Cello streicht:, „wie Laub fällt alles von mir ab, wie Laub, wie Laub…“

Ein Mann liegt regungslos…erfroren

Sie streichelt die Blätter und wühlt sich in das Laub auf dem Boden als sei es ein Mensch, an den sie sich pressen möchte, oder ein Bett, in das sie versinken möchte oder ein Ausweg, den sie irgendwohin finden möchte. Einen Moment lang liegt der Brautschleier über ihr wie ein Leichentuch, so dass ihr Gesicht für ein paar Minuten, vom Tuch überspannt, einem Totenschädel gleicht. Hans steht, deklamiert:“ Tragt ordentlich den Tod in eine Liste ein, ordentlich, uniformiert, in ordentlicher Haltung!“ Dann, leiser, verzweifelt: “Ein Mann liegt regungslos…., …erfroren!“ Hans lacht wie irr, das Lachen geht in krampfartiges Weinen über. Sophie, als spräche sie zu den Eltern: „ Die Nacht ist um, steckt mir noch einmal eine Blume in mein Haar, nehmt meine Hände, die nun bald erfroren sind!“

Ist meine Seele ein Nichts?

Plötzlich prügeln beide in Verzweiflung aufeinander ein, sinken dann in eine Umarmung zusammen. Sophie steht langsam auf, singt, spricht wie zu Gott gewandt: „Mein Gott, ist meine Seele ein Nichts? Ich bin zu schwach…ich bin zu schwach… das ich den Weg zu deiner Ruhe finden kann…ich bin zu schwach…“ Dann, reckt sie sich auf, schreit: „ Zerstör in mir, was mich noch von Dir trennt! Zerstör in mir, was dich noch von mir trennt!!!! Reiß mich mit Gewalt zu Dir!“ (Hellster Sopranschrei). Die Musik wechselt danach ins Piano, dann völlige Stille: “Mutter?!“ Stille, keine Musik, leises Zupfen, fast tonlos ihre Worte: “Wer wird sie trösten?“ Hans:“ Mein Vater, denkt er wohl an mich? Jetzt hör ich wieder seine Worte: Nicht abseits stehen, weil es ohne Wahrheit kein Glück gibt!“ Beide krümmen sich auf ihren Stühlen, die Musik schwillt an zum harten Trommeln, die wieder wie Schläge auf ihre Rücken niedergehn. Dissonanz, Pfeifen, angerissene Militärmärsche, Schüsse, Quietschen, die Musik steigert sich, wird angsterregend laut…

Gib Licht meinen Augen

Aus den Händen beider fallen Schnipsel von Papier zu Boden, wie einst die Flugblätter. Sie singen dazu: „Gib Licht meinen Augen.“ Noch liegen sie, stehen nacheinander auf.  Sie singen: „ Sagt unerbittlich zu den Zagenden: Es ist jetzt Zeit!“  „ Sagt nicht, es ist fürs Vaterland, sagts nicht!“  „ Ein Feuer dringt durch jedes Herz, ein lauter Schrei, der nie verstummt!“ Beide stehen in der letzten Szene, einer gedachten Tür zugewandt, sehr aufrecht da, sie richten nur noch zwei einfache Fragen an ihre Henker, sind völlig ruhig:  Hans:“ Kriege ich, wie ein Soldat, den Erschießungstod?“ Sophie:“ Sterbe ich durch den Strick oder durch das Fallbeil?“  Die Bühne verdunkelt sich, die Zuschauer kommen aus ihrer Erstarrung, in der sie das Stück von der ersten bis zur letzten Minute angehört haben, sie klatschen bis die Hände wehtun. „Ein eindrucksvolles Stück gegen die Gleichgültigkeit.“ versprach die Vorankündigung. Wie wahr!

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