Der Wildschütz / Wanderoper Bad Freienwalde – Rezension

jw/Feuilleton/ 13.9.16

Wider die kulturelle Verwahrlosung – Die Wanderoper Brandenburg inszenierte Albert Lortzings »Wildschütz« in Bad Freienwalde

Als im Zuge des Anschlusses an die BRD die Kulturlandschaft Ostdeutschlands gerodet wurde, wie es kein ZK-Plenum der SED je vermochte (noch wollte), blieb eine Regionalkultur, wie sie nur in einem Land mit dem Bildungsniveau der DDR hatte entstehen können. In jedes kleine Dorf ein Bücherwagen war die Devise, man kannte Shakespeare, Schiller, Brecht.

Als dann aber schließlich im Land Brandenburg von ehedem fünf ganzjährig spielenden Theatern nur noch eins übrigblieb, fanden sich 2011 im Kurtheater Bad Freienwalde Menschen zusammen, die das Musiktheater liebten und seinen ästhetischen Wert nicht verloren geben wollten. Sie gründeten die Wanderoper Brandenburg. Das mobile Ensemble besucht nun seit fünf Jahren die Regionen, in denen die kulturelle Misere am größten und der Bedarf am höchsten ist.

Es versucht dem Missstand etwas entgegenzusetzen, dass die Mehrheit der Brandenburger Schüler die Schule verlässt, ohne je eine Oper, ein Musical oder ein Ballett (oft selbst kein Konzert oder Schauspiel) gesehen zu haben. Auch in der Schulzeit wird deshalb gespielt, und eine Schülerkarte kostet nicht mehr als 3,50 Euro. Niemand soll von der »kulturellen Grundversorgung« ausgeschlossen werden.

Das Repertoire umfasst etwa Mozarts »Die Zauberflöte« (mit arbeitslosen Sängern) oder Benjamin Brittens »Noahs Flut« (gemeinsam mit der Musikschule Barnim), gespielt wird an den unterschiedlichsten Orten: Auf einer Trabrennbahn, in Schlosshöfen, Sporthallen, Kurtheatern, Schulaulen, Zucht- und Kulturhäusern – überall dort, wo man sich für Musiktheater interessiert.

Bis heute kam es zu über 100 Aufführungen mit circa 25.000 Zuschauern. Die jüngste Inszenierung von Albert Lortzings »Der Wildschütz« erfolgte zum 700. Geburtstag der Stadt Bad Freienwalde. Sie war glänzend!

Musik und Sänger gefielen in Klarheit, Virtuosität und Fülle; in den Rollen überzeugte neben ausgebildeten Musikern auch eine Vielzahl an Laien und Kindern. Die Einbeziehung von Menschen aus Stadt und Region war Programm; die Inszenierung entstand als »Community project« und wurde als solches durch den Fonds Neue Länder der Kulturstiftung des Bundes gefördert. Es hat sich gelohnt, selbst die kleinsten Nebenfiguren wurden mit soviel Liebe zu den Charakteren gespielt, dass sie alle im Gedächtnis bleiben.

Auch die professionellen Sänger wussten zu überzeugen. Besonders Bassbariton Bernd Gebhardt brillierte in der Rolle des Schulmeisters. Er zeigte den Baculus als engstirnigen Kleinbürger, voll von Eifersucht und Doppelmoral, ohne ihn allerdings plump zu entlarven. Ihm gelang eine differenzierte Darstellung des widersprüchlichen Charakters voll von hintergründigem Witz.

Überhaupt geriet die amüsante Geschichte voll von Rollenspielen und Verwechslungen nicht als Klamauk, sondern durchaus scharfsinnig. Die unterschwellige Kritik an den feudalen Autoritäten und der Spießigkeit des Biedermeiers wurden behutsam herausgearbeitet. Es war natürlich kein revolutionäres Theater, das hier geboten wurde, dafür ein »Volkstheater« im besten Sinne. Ein Theater, das sich an Menschen ohne große Vorbildung richtet und ihnen etwas über ihr Leben und dessen Umstände zu sagen weiß, ohne zu langweilen.

Großer Dank gilt daher Arnold Schrem, dem Initiator und Regisseur der Wanderoper. Seine Mitstreiter und er werden auch weiterhin die Dörfer und Kleinstädte bereisen und der kulturellen Ödnis etwas entgegensetzen. Ihnen gebührt dabei jede Unterstützung.

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