Faust. Ein Fragment – im Theater Vorpommern – Rezension

Am 1.10.16 konnte man in Greifswald einen von Schwulst, Geistesschwere und Mystik freien Faust sehen, in dem das Schicksal Gretchens zur Hauptsache wird.

Dazu eine Inszenierung (Bravo an Reinhard Göber), die eine orientalisch anmutende Verfremdung die Hauptperson vornimmt.  Die Kostümierung Gretchens und ihrer Familie lässt durch Gewand und Zimmerwandschmuck, beides in warmen, schönen Farben, fließenden Stoffen, mit leicht orientalischen Motiven, sowie im Kopfschmuck, den Orient assoziieren, frei nach Goethe: „Orient und Okzident sind nicht mehr zu trennen“ (im West-östlichen Diwan), mit durchaus aktuellen Bezug. Da sehen wir Erstaunliches: So schüchtern-verhüllt das Mädchen verkleidet als eine Muslima in der Öffentlichkeit draußen auftaucht, so albern und verspielt, lustig, listig und verliebt, auch recht offen zu ihrer Marte sprechend, ist sie drinnen, wenn sie sich unbeobachtet wähnt. Etwas, was durchaus der Wirklichkeit entspricht und in zahllosen Filmen schon oft thematisiert wurde.

Nicht abfinden

Das Verspielte, Fröhliche nimmt so in diesem „Drama“ den größten Raum ein, das Dramatische passiert unspektakulär, sehr kurz, sehr knapp, dadurch wird Sentimentalität vermieden. Stattdessen kommt durch die verspielten Szenen der junge Goethe viel stärker heraus, es ist der Goethe des  Sturm und Drangs, der aufbegehrt und sich nicht abfinden will. Zum Beispiel damit, dass so ein sittsam-behütetes Mädchen eben nicht einfach so geliebt werden und sich verlieben darf.

Mephisto als ein studentischer Freund im roten Pullover

Auch Mephisto ist in dieser Fragment-Inszenierung nichts als ein studentischer Freund Goethes im roten Pullover, mit dem er nachts durch die Kneipen zieht und der schon etwas mehr Erfahrung mit Mädchen hat, eher ein Tausendsassa, Teufel genannt nur von den Spießern, da er mehr wagt.  Für Faust-Liebhaber offenbar ein No-Go, denn lauthals empören sich neben mir Leute, dass „man sowas mit Goethe nicht machen darf“. Der tosende Applaus der Jugend im Publikum macht aber etwas anderes klar: Dass dieses Fragment, historisch zwischen dem Urfaust und Faust I und II stehend, 1790 daselbst unter dem Titel: Faust. Ein Fragment, von Goethe gedruckt, vom heutigen Standpunkt aus, eine Modernisierung darstellt.

Die Spießbürger an der Nase herumführen

Es ist weniger lehrerhaft, weniger theorielastig, es diskutiert nicht die Weltprobleme und die Philosophie, enthält nur Denkanstöße, die das Publikum desto mehr anregen, ist ein Stück, in dem viel Handlung ist,  meist Flirten, Zärteln, Heimlichtreffen und die Spießbürger an der Nase herumführen. Weder Wahnsinn noch Hinrichtung passiert, nur Schmerz bleibt stehen zwischen den Toren unter dem gleißend grünen Licht bei der Frau.

Ein ebensolcher junger Mensch, der sich verliebt

Das Stück bleibt beim jungen Goethe. Sein Blickwinkel ist individualistisch-zentriert auf diesen Fall bezogen. Es stellt auch Faust, der eher noch Student als  Mann ist, nicht als skrupellos kalten Verführer dar, der das Ganze wie eine Prüfung plante, er ist ein ebensolcher junger Mensch, der sich verliebt hat und Handlung ist nichts anderes als stetiges Suchen nach Gelegenheit sich heimlich, ohne Kenntnis der überwachen Eltern, des Bruders, der Freundin und der Öffentlichkeit, einfach nur treffen zu können. Das kommt ganz leicht daher, da wird gespielt, sich angelächelt, Erotik als etwas Leichtes, Schönes genommen, keine Rede von Lebensbund und großen Schwüren – bis es entdeckt wird.

Nur dastehen und das Blut, das läuft

Nun steht sie da, nicht er, eingeengt von zwei Mauern unter einem Tor, von oben mit kalt-grünem Licht bestrahlt, steht sie an einem imaginären Pranger und etwas Gewaltsames geschieht ihr, Blut läuft aus stummem Mund, keine Klage, keine Bewegung nur das Dastehen und das Blut, das läuft; in einem schmalen Streifen über das grüne Kleid. Eine stumme Klage der Welt, die Spielerisches verbietet und Menschen im Namen der Religion die schönsten Gefühle vermiest und schlecht macht, diese zu Teufelszeug erklärt und am Ende mit dem Tod bestraft. Stark ist diese Szene vor allem durch ihre Reduktion auf das wesentliche.

Menschen, himmelweit verschieden, uns zugehörig machen

Das Ziel des Stückes, dass „Solidarität geschaffen wird“ durch „Sensibilität für die besonderen Einzelheiten des Schmerzes anderer, uns nicht vertrauter Menschen“, so dass „Menschen, die „als himmelweit verschieden von uns erscheinen“, doch plötzlich „zu uns gehörig“ empfunden werden, ist unbedingt erreicht worden, insbesondere durch die Idee, das Gretchen als Muslima zu kleiden. (Zitate: Richard Rorty, Programmheft). Auch nimmt das Ensemble politisch Stellung: Es will einer „Tendenz  zur weltumspannenden Apartheid“ entgegenwirken, die heute schon wieder „den Limes verteidigt“, indem sie „die Barbaren auf die andere Seite einer wohlgeschützten Grenze zurückwerfen will“  (Jean-Christophee Rufin: Das Reich und die neuen Barbaren, Programmheft). Das ist eindeutig und klar, so wird auch deutlich, dass das Verfremden des Gretchens eine Botschaft ist: Seht uns an, erkennt uns!

Faust, jung und leicht, Gretchen nicht unterwürfig

Alexander Zieglarski nimmt für seine Interpretation der Rolle den Ausgangspunkt bei einem gelangweilten Studenten, der der ewigen Theorie überdrüssig, sich nach Handlung sehnt, und gibt den Faust im weiteren großartig jung und leicht, Anne Greis ist kein unterwürfiges Gretchen, sondern begegnet Faust ebenso verliebt, emotional und leicht, wie er ihr. Die „Gretchenfrage“ nach der Religion wird gestellt, erhält aber nicht diese schwere Bedeutung wie sonst, man sieht schon, sie fragt es, weil sie muss, es ist ihr selbst nicht so wichtig.

Stimmungen gestaltet

Sehr schön sind auch die Kostüme, nur mit hellen Farbabstufungen und leichten Komplementärkontrasten gearbeitet, sind hier sowohl Frauen als Männer farbig-variantenreich, von Szene zu Szene wechselnd angezogen, womit immer wieder Stimmungen gestaltet werden. Der junge Goethe für Neugierige, ins Heute übertragen, sehr zu empfehlen! Spielt ab 22.10. auch in Stralsund.

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