Der Mann ohne Vergangenheit – Rezension

Die Filmadaptation von Aki Kaurismäkis Film “Der Mann ohne Vergangenheit”  in der Regie von Dimiter Gotthelf kann als gelungen betrachtet werden, er schaffte es mit Leichtigkeit und Bescheidenheit hinter den Meister zurückzutreten und ihm dadurch ein neues Meisterwerk zu schaffen.

Die Bühne minimalistisch in blau-grauem Halbrund mit weißem Horizontstreifen, in der Mitte eine einzige Laterne, die das immerwährende Draußen symbolisiert. Drum herum quadratische, in verwaschenem Pastellrot, -blau, -grün, -gelb und orange gehaltenen Plaste/ik-Taschen, ähnlich denen, die Marktleute und Grenzeinkäufer bei sich tragen und die auf Flohmärkten üblich sind. Hier bleiben sie, zusammen mit der Laterne die einzigen Requisiten des ganzen Stückes, was die Bühne aber durchaus belebt, denn das blau-grau des finnischen Himmels passt gut zu den abgestuften Farbtönen der Obdachlosenbehältnisse.  In der ersten Einstellung sehen wir nur den Halbrundhimmel, davor einige torkelnde, tanzende schwarze Silouettenmenschen. Kaurismäki dazu: „Mein liebstes Bild: Eine grau-blaue Wand und davor zwei Menschen. Wenn möglich sogar nur eine Person. Oder noch besser: nur die Wand.“, die Musik schleicht sich langsam ein, leiser Gesang wie Nieselregen dringt von den Musikern der zwei letzten Logen, links und rechts der Bühne heran. Instrumente mit einem leichten Klezmereinschlag begleiten und beleben das durch viele  Standbilder, durch Mimik und Gestik bestimmte Stück: Baß, Akkordeon, Klarinette, E-Gitarre, Geige, dazu Gesang, mal wild und krächzend, mal leise flüsternd und säuselnd.

Bingobude vor Parlament

Es ist von Schnee die Rede und Helsinki, ein späterer Toilettenputzmann mit fettig-angeklebten Haaren löst sich aus dem Hintergrund und kommt nach vorn auf die Bühne um eine Geschichte zu erzählen, es ist eine Ballade, eine Geschichte, die einen bösen Anfang und ein gutes Ende hat. Ein surrealer Traum, der im Realen beginnt und immer mehr zum Traum wird.  Zunächst fährt ein Mann im Zug, der schaut aus dem Fenster auf Helsinki, wo ist das Parlamentsgebäude geblieben, fragt er sich, da habe man eine große Bingobude vorgebaut, wird ihm geantwortet, Symbol für den Ausverkauf der Demokratie an das Geldwirtschaftsroulette.  Den genaueren Witz verstehen nur Einheimische, denn tatsächlich hat man vor das Parlament einen riesigen Klotzbau gestellt, ein weißes Museum „of modern Art“, einem Bunker nicht unähnlich, wie wir es in vielen europäischen Großstädten neuerdings vorfinden, gesponsert von internationalen Großkonsortien, die darin hauptsächlich sinnentleerte Nonsenskunst aufstellen. Das Börsenkunsthaus wird hier zur Bingobude und der Irakkriegsgegner positioniert sich schon im ersten Bild als Regierungsspötter: „niemand sollte in Helsinki Urlaub machen, geschweige denn, dort leben. Und wer dort schon lebt, sollte wenigstens dafür sorgen, dass die Regierung beurlaubt wird“. (Kaursismäki 1994)

Wir haben hier einen Toten

Sein Zug rollt jedenfalls nachts in Helsinki ein, der Mann steigt aus und setzt sich auf eine Parkbank, dort duselt er ein und ein umherstreifender Vierschröter im Bürstenhaarschnitt mit zwei Begleitbandenmitgliedern nimmt ihn sich als leichte Beute vor, raubt ihn aus und prügelt ihn zusammen. Dass er überlebt, er torkelt nach einer Zeit auf die Herrentoilette des Bahnhofs zu, verdankt er dem Toilettenmann der Eingangserzählung. Der ruft die Polizei mit den trockenen Worten: „Wir haben hier einen Toten“. Die erzählte Geschichte geht nun in die erlebte über. Der Toilettenmann, von Samuel Finzi gekonnt gegeben, dreht sich um, man hört Intensiv-Stationsgeräusche, eine Atemmaschine, die plötzlich stoppt, daraus erhebt sich eine bandagierte Figur, torkelt aufs Publikum zu, hebt die Arme, beschwörend, dreht sich um, läuft, stolpert, und wird im Morgengrauen von Obdachlosen gefunden, die sich leise, wie tanzend, aus dem Hintergrund nähern und aus dem Inneren der dicken Taschen erheben.

Von den Schwierigkeinetn mit der Nase zu spielen

Während der Halbtote daliegt, werden die Figuren vorgestellt, der Toilettenmann hat sich in eine Transe verwandelt, Samuel Finzi zeigt hier höchste Verwandlungskunstfertigkeit, nie hätte man ihn wiedererkannt. Das Gemachte dieser Rolle, in pinkglitzerndem Rock zum lachsfarbenen Pulli, drückt er einzigartig, wie Kourismäki es verlangt, mit seinen „Augen, dem Mund und der Nase“ aus. Dieser sagte:  „Ich bitte meine Schauspieler, alles herauszuholen mit ihren Augen, dem Mund und der Nase, auch wenn es schwierig ist, mit der Nase zu spielen“  (Programmheftzitat von 2003). Hier wird das umgesetzt, Samuel Finzi spielt in diesem Stück vier Rollen, ihn als den Gleichen zu erkennen, gelingt mit Mühe in den ersten zwei Parkettreihen. Es wird wenig gesprochen in diesem Stück, es werden die anderen Kommunikationspfade benutzt, Augensprache, Gesichtssprache, das Hochziehen einer Augenbraue, Musik, Stöhnen, Drohgebärden, Lachen.  Das passt sehr gut zum Milieu, das geschildert werden soll, das meist auch nicht mehr viel Worte findet: Die Untersten, deren Ausbeutung sich ganz und gar unserer Vorstellungskraft entzieht, für 200.- Euro die Woche wird diesen Menschen von einem „Unternehmer“, (glänzend echt gespielt von Michael Schweighöfer, mit lebendem Wachhund Andreas Döhler, köstlich), ein Containerplatz in einem der Taschen angeboten, unser verletzter Mann nimmt alles schweigend-staunend hin, auf Nachfragen der Herumstreuner, Obdachlosen und Kleinkriminellen, stellt sich heraus, dass er nichts mehr von sich weiß.

Satire macht aus Elend Nachfühlbares

Das nimmt man in diesen Kreisen so hin, denn wer weiß dort schon noch gern etwas von sich, als er aber auch seinen Namen nicht mehr kennt, kommt Mitleid auf und eine Gruppensolieffekt stellt sich ein, der zu den ersten tastenden Gesprächen führt. Hier sticht Margit Bendokat wie üblich heraus, mit ihrem herrlichen berlinerisch gibt sie die perfekte Obdachlose, die von einer Sozialwohnung wie von einem Schloss träumt, dass sie und ihr alkoholischer Nachtwächtermann, ebenso perfekt in Gesicht, Ausdruck und Gestik ( Harald Baumgartner) bald beziehen werden.  So realistisch die einzelnen Menschen dieser Szene dargestellt sind, so surreal wirkt doch die ganze Sache, was dem exemplarischen Charakter der Darstellung gut tut und hier den größten Reiz ausmacht, man sieht, die künstlerische Überhöhung der düsteren Realität in Richtung Satire erhebt die Einzelgeschichte zur Lehre, ohne lehrerhaft zu wirken, erhebt das Einzelschicksal zur Allgemeingültigkeit und macht aus der Ballade um einen verlorenen Menschen in einer Großstadt ein komödiantisches Gesellschaftsdrama. Es erinnert an Karl Kraus, mit Anklängen an Karl Valentin und Chaplin, wenn da dann vier Mann in einen der Säcke hineinsteigen müssen, nur weil sie zu ihm „zu Besuch“ kommen wollen. Im Weiteren finden sich viele Bezüge zur Geschichte Finnlands mit seinem erst sehr jungen Turbokapitalismus, der nach dem Zusammenbruch des Ostblocks sein wahres Gesicht in einer schweren Krise zeigte. „Zitate benutze ich gern“, sagt Kourismäki und so finden wir als abschwächende Gegenfigur eine „Johanna“, hier heißt sie Irma und ist ein Heilsarmeemädchen. Dieses teilt, wie bei Brecht, Suppe aus, leitet Sängerchöre und frönt einem puritanischen, den Armen aber immerhin zugewandten Frömmler-Christentums, was immer wieder stecken bleibt in dem Zitat: „Lieber geht ein Kamel durch ein Nadelöhr, als ein Reicher durch…“, dann sieht sie unserem Mann in sein undurchdringliches Gesicht (mit großem Witz gespielt von Wolfram Koch) und erschauert.

Das Innenleben sichtbar machen

„Das Innenleben sichtbar werden zu lassen hinter einem völlig undurchdringlichen Gesicht“, sagt Kourismäki, das sei die Kunst, auch dies ist hier ohne Zweifel gelungen, „ ist das Gegenteil jener Schauspieler, die sich undurchdringlich machen, um so ihre Leere besser verbergen zu können“ (1996) Auch das stimmt und man kann nicht sagen, wieso, aber dieser Wolfram Koch belebt sein undruchdringliches Gesicht und seinen steifen Körper unglaublich und schafft es, dass sowohl Irmas bisheriges Frömmlertum durch diese Figur aus den Fugen gerät, als auch das Publikum immer wieder zum Lachen gereizt wird, bei noch so traurigen Themen. Und dieses Lachen ist ein befreiendes und erkennendes Lachen, kein Lustigmachen. Dabei kommen, neben der Musik, die äußerst gut ausgewählt, eine Mischung aus osteuropäischer und Klezmermusik darstellt, durchaus poetische Zeilen vor: „Kittel aus Leinen, gewaschen aus Schweiß, unter der Mauer die Toten, wollt ihr Milch?  Und Irmas nüchterne Feststellung: „Gottes Erbarmen wird wohl im Himmel was taugen, aber hier müssen wir uns schon selber helfen…“ leitet den zweiten Teil der Geschichte ein, der sich mehr und mehr ins Surreale und beinahe-Revolutionäre und Romantische wendet, aber auch ein Fiebertraum des Elenden in seiner Behausung sein könnte.

Ölkontainer, Würstchenkalle, Lumpenproletariat

So wird ein Spaziergang der beiden entlang des Hafens von Helsinki geschildert: „Ölkontainer, Lastkräne, Hering, Passagierschiff Esperanza, Zigarettenstummel, Finnischer Meerbusen, Würstchen Kalle, Müllberg…“ dann später: „Ich war gestern auf dem Mond“, die Musiker schreiten nun wie durch Nebel auf die Bühne und mischen sich unter die Menschen, Worte werden skandiert: „Tankbauten, Terrassenbrücke…“, dies spielt, ebenso wie die „Bingohalle“ auf jüngst überteuerte Prunkbauten in Helsinki an, dazu: „Eröffnen Sie ein Nummernkonto, da fragt keiner nach dem Namen, dann sind sie wer“ Surreales vermischt sich beständig mit Realem, davor, dahinter und zwischendurch beißende Gesellschaftskritik, Kourismäki will etwas sichtbar machen und es gelingt: „Die Proletarier von heute haben keine Macht mehr. Sie sind nicht mehr organisiert, sie haben keine Gewerkschaft. Sie sind das neue Lumpenproletariat…Sie leben in einem permanenten Teufelskreis“. Entlarvt werden sowohl die gesellschaftlichen Mechanismen des modernen Kapitalismus, mit denen der Einzelne unterdrückt und in die Knie gezwungen wird, dabei gerät der Zuschauer aber unversehens auf die Seite derer, die als Verlierer übrig bleiben und darin schließlich neue Kräfte finden.

Etwas werden Sie bei mir nie finden: Sex und Gewalt

Dimiter Gotscheff hat diesen Faden aufgenommen und ein tolles Stück inszeniert, das durchaus revolutionäre Spannkraft besitzt. Im Weiteren kommt noch ein Banküberfall eines am Globalen Kapitalismus gescheiterten Bauunternehmers vor, der das Geld nicht, wie in der Realität üblich, in Monaco verspielt, sondern als moderner Robin Hood es in Lohntüten an seine ehemaligen Arbeiter verteilt, dies wird wiederum gebrochen dadurch, dass es vom obdachlosen Nachtwächter nur „gespielt“ wird. Nun will ich nicht alles verraten, aber hier kann man hingehen, ein Abend, der auf jeden Fall dem gerecht wird, was Kourismäkis Anliegen ist: „”Irgendjemand muss doch erzählen, in welchem Schlamassel die Menschen stecken und wie sie dennoch ihre Würde wahren. Ich komme selbst aus armen Verhältnissen und weiß, wie die Gesellschaft mit diesen Leuten umspringt. Warum sollte ich denn einen Film über verwöhnte Muttersöhnchen drehen, die nur ein Problem plagt: das richtige Outfit zum Angeben zu finden.” Und was er sich selbstbescheiden wünscht: „Die Leute sollen meine Filme sehen und dann glücklicher sein als vorher, wenn mir das gelänge, dann könnte ich platzen vor Freude (2002)“, das ist hier auch gelungen, dank des hervorragenden Ensembles und einer leichten und bescheidenen Regie, die sich in keiner Szene vor den Meister drängt.  Nebenbei wird ein unmissverständliches Bild gesellschaftlicher Widersprüche gezeigt, in dem man sich zu helfen lernt. Kourismäki scheint immer gegenwärtig gewesen zu sein: „Etwas werden Sie nie bei mir finden: Sex und Gewalt. Ich bin ein Freund der Aufgabenteilung. Für die meisten meiner Filmkollegen stehen Sex und Gewalt im Vordergrund. Ich kümmere mich um die anderen Formen menschlichen Verhaltens(2002)“. Insofern finden sich hier erfreulicherweise keine Bettszenen, blutenden Wunden und Schreiorgien, welch eine Wohltat, kein hysterisches Theater auf bürgerlicher Bühne, sondern ein aufklärerisches, das zum Widerstand anregt. Die Filmadaptation hat einen eigenen Charme bekommen, ganz im Sinne von Kaurismäki. Wirklich empfehlenswert.

Alle Zitate Kaurismäkis aus dem Programmheft

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