Fünf Jahreszeiten im Ramba Zamba – Theaterrezension

jw Feuilleton/13.12.12.

 

Eigentlich leben wir hier alle in der fünften Jahreszeit«, kündigte Gisela Höhne, die künstlerische Leiterin des Berliner RambaZamba-Theaters, die neue Produktion an.

Das Tanzstück heißt schlicht »Jahreszeiten« und soll »die Metamorphosen des Lebens« verhandeln. Um »die Erfahrungen der vergangenen Jahre auf ein neues Niveau zu heben« holte Höhne den finnischen Choreografen Tomi Paasonen ins Boot. Zwar waren in den vorherigen Produktionen auch immer Tanz und Musik dabei gewesen, doch für »Jahreszeiten« haben die Mitwirkenden, Menschen mit sogenannter geistiger Behinderung und ohne jede klassische Tanzausbildung, einen ganzen Tanzabend erarbeitet.

Ich bin stolz und klug

Zu Beginn läuft, noch während das Publikum reinströmt, einer der Spieler um ein ausgebreitetes rundes weißes, am Boden liegendes Tuch herum und verteilt dort rote Plastikblumen aus einem Eimer, sagt: »Ich bin stolz und klug… naja«. Drei Männer in Badehosen kommen nacheinander herein und legen sich auf winzige Handtücher, ab und an strecken sie auch mal den Fuß zum weißen Tuch, aus dem Off ertönt dazu ein Wassergeräusch.

Ganz Sieger im Sommer

Eine Frau kommt, alle Männer setzen sich auf und beäugen sie. Sie legt sich hin, einer der Männer stolziert zu ihr, mit herausgestreckter Brust und eingezogenem Bauch und beginnt auffällige Gymnastikübungen. Die Frau aber geht von ihm weg und legt sich zu einem anderen hin, der aber will nichts von ihr wissen. Ein Dritter tritt auf und jagt alle vom Platz, allein durch seine bloße Erscheinung. Ganz Sieger, geht er sofort auf die junge Frau zu, und eine Liebesszene folgt. Dazu Töne wie von Grillen, raschelndem Gras, glucksendem Wasser. Eine kleine Soziologie des sommerlichen Begehrens.

Menschen tanzen ggen die kälter werdenden Nächte

Dann Latinmusik, zwei Gitarrenspieler, Lagerfeuerathmosphäre. Eine streut rote Knopfblumen auf das Wasser, und die Menschen tanzen gegen die kälter werdenden Nächte an. Die Bühnenbilder sind gemalte Exponate aus der Sommer-Sonnenstich-Galerie, die als Dias über Boden und Decke geworfen werden. Abstraktes wechselt mit Figürlichem, Muster der Wärme und Kälte, alles wird mit immer neuen Farben und Formen überzogen. Die Blätter des Herbstes sind glitzernde Streifen, golden angestrahlt, die Herbst- und Wintermenschen tragen wollene Anzüge, in denen sie aussehen wie Waldmenschen. Sie kriechen förmlich aus der Erde hervor, tanzen und verstecken sich, wärmen sich aneinander und gehen wieder ihrer Wege.

Lauter Möglichkeiten, Wünsche

Die Herbst- und Winterepisoden wurden von Paasonen, Frühling und Sommer von Höhne inszeniert. Daher unterscheiden sich die dunklen Jahreszeiten sehr stark von den helleren. Diese Szenen sind langsamer, die Farben dunkler, die Musik düsterer, und die Bewegungen kriechender. Im Programmheft wird Rilke zitiert: »Kunst heißt, nicht wissen, daß die Welt schon ist, und eine machen. Nicht zerstören, was man vorfindet, sondern einfach nichts Fertiges finden. Lauter Möglichkeiten. Lauter Wünsche«.

Ausdruckstanz mit nicht perfelten Körpern

Die Tänze wirken fast wie die Entwicklung einer eigenen Sprache. Ausdruckstanz mit nicht perfekten Körpern, Ausdruckstanz mit Gesichtern, in denen das Down-Syndrom für jeden erkennbar zu sehen ist. Diese hier sind nicht ängstlich, sie sind selbstbewußt.
Für den Frühling wählte Höhne Strawinskys »Frühlingsopfer«. Vorher war lange mit den Tänzern improvisiert worden, was sagt ihnen der Frühling, der Sommer, der Herbst, was wollen sie den Menschen darüber mitteilen? Die Musik wurde nachher ausgesucht, Purcell, Strawinsky, Vivaldi und für den Herbst und Winter ambientartige Elektromusik von Biosphere und Murcof.

Synthese aller Künste

Der Frühling ist bei RambaZamba ein Wiederauftstreben, Schneehaufen werden mit großen Besen weggekehrt. Der berühmte Tanz der Leidenschaften. Und dann ist auch schon wieder Sommer. Eine schöne Synthese aller Künste, die in den Werkstätten des RambaZamba und der Galerie Sonnenstich e.V. angeboten werden: Tanz, Musik, Bühnenbild, Kostüme, Licht, Gestaltung. Diese Tänzer spiegeln unsere Welt und sie spiegeln sie genau. Was sie uns sagen wollen, sagen sie durch Bewegung noch besser.

Nächste Vorstellungen: 13.12., 14.12., 15.12., 18.12., 19.12., jeweils 19 Uhr, in der Kulturbrauerei

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