Die Mitschuldigen – im Monbijou-Sommer-Theater

Das Monbijou-„Holztheater“, wie es sich nennt, eine Freiluftbühne gegenüber dem Bodemuseum auf der Museumsinsel, im Wanderbühnenstil vergangener Jahrhunderte, ist, wie viele Sommertheater, auf satirisch-kritisches Lustspiel abonniert.

Darunter versteht man meist Moliere und Shakespeare, Wortwitz, Gesellschaftskritik und Klassenaufmüpfigkeit kleiner Leute,  das Verhohnepipeln der „Großen“, verwirrende Klassenmischungen und satirische Verwechslungskomödien sind Kern der meisten Stücke. Dinge werden auf spielerische Art gesagt, für die man vor 250 Jahren an den Galgen oder in den Kerker gekommen wäre. Heute ist weit weg, lässt sich aber manchmal durchaus wiederfinden.

Die Eigentumsfrage gestellt

Wen man nicht erwartet auf diesem Gebiet ist Goethe und was man nicht erwartet, ist, dass   die Eigentumsfrage gestellt wird und die Unteren zu Gesetzesübertretungen aufgefordert werden: Allein, ihr großen Herrn, ihr habt wohl immer recht! Ihr wollt mit unserm Gut nur nach Belieben schalten; Ihr haltet kein Gesetz, und andre sollens halten?

Das verfickte Stadtschloss da draußen

Noch weniger aber erwartet man das: Da springt der durch das Stück führende Narr, der schon vorher manche politisch aktuelle Anspielung einbringt, kurz vor Ende auf das Publikum zu, hält das Stück kurz vor dem Schluss an und sagt allen Ernstes, dass wenn es hier geendet hätte, das Publikum rausgelaufen wäre und endlich „das verfickte Stadtschloss da draußen“ angezündet hätte. Danach entschuldigt er sich für Goethe mit dessen schwieriger Zeit wegen des versöhnlerischen Schlusses und gibt diesen dann als Nummernrevue.

Abgründe und Widersprüche

Also große Überraschung auf ganzer Linie, dazu höchste schauspielerische und dramaturgische Leistung: der Hauptdarsteller, Söller, Wirtshausbruder und Trunkenbold, verkleidet als Narr, tritt als Erzähler und Mitspieler zugleich auf, reflektiert, abweichend vom Original, die Handlung und zugleich sich selbst, karikiert den gehörnten Ehemann, den hohen Herrn, den Wirt mit seiner Krämerseele, entlarvt, macht Abgründe deutlich und lässt Widersprüche aufbrechen, zwischen Frau und Mann, arm und reich, hoher, mittlerer und niedriger Klasse, Gesetzestreue und Gesetzesbruch.

Typisches Volksstück, derb proletarisch

Goethe war eben 20 Jahre alt, als er das Stück 1768 schrieb, es wurde erst knapp zehn Jahre später uraufgeführt.  Es ist mit seinem Ort (Wirtshaus), seinen Figuren (Wirt, Trunkenbold, Frau und „hoher Herr“) ein typisches Volksstück in einem absolutistischen Staat.  Es gibt sich komödiantisch-witzig und gewagt-revolutionär, es geht dem Stück jegliche Schwere und idealistisch-deutsche Intellektualität ab, es hat etwas wundervoll Derb-Proletarisches.

Mischt sich unter die Zuschauer und provoziert

Dazu kommt: Der Narr springt in die Jetztzeit, bringt politisch heutige Anspielungen sehr passend ein, mischt sich unter die Zuschauer und provoziert. Das macht das Stück zu einem politischen und das vermeintliche Touristen-Theater zu einer guten Bühne.  Im Sinne Brechts ist die Bühne karg: Holzstühle, Tische, Bierflaschen, die Kostüme sind nur durch Kleinigkeiten sehr klassentypisch angefertigt: Alcest, der Adlige in einem albern hellblau-uniformen Rock, der Wirt mit künstlichem Buch und Po holzfarben einfach angezogen, jedoch auch feist, der gehörnte Säufer und Genarrte, mit gelber Schelmenkappe, der die Eulenspiegel-Wahrheiten spricht.

Vier Spieler im nächtlichen Dunkel

Die Figurenkonstellation und Handlung ist einfach: Eine Wirtstochter hatte vormals ein Techtelmechtel mit einem Adligen, der ging und ließ sie, daraufhin wurde sie mit dem Wirtshaustrinker Söller verheiratet, von dem ihr Vater sich tätige Hilfe erwartete, die der nicht halten kann. Nun lebt sie unzufrieden in ihrer Ehe, protestiert auch lautstark, da kommt der Adlige zurück und wirbt erneut um sie. Derweil beschließt der Ehemann dem reichen Nebenbuhler  Geld zu stehlen und der Wirt hat ebenfalls etwas für seinen eigenen Vorteil in dessen nächtlicher Kammer vor, weshalb er sich mit einem Wachslicht auf den Weg macht. Alcest gab aber nur der Frau den Schlüssel, diese kommt heimlich, so dass sich schließlich zum Gaudi des Publikums alle vier Spieler im nächtlichen Dunkel des Zimmers des hohen Herrn ohne voneinander zu wissen, treffen. Beinahe-Ehebruch der Frau, Diebstahl der Schatulle, köstlich witzig gespielte Szenen.

Mitschuldig alle

Das Zimmer ist imaginär dargestellt, die Spieler tasten den Raum ab, den das Zimmer vorstellt, sehr eng, so dass die vier Personen sich permanent berühren und sich für jemanden anderen halten, Ofen und Sims sind hinten an einer Wand lediglich billig aufgemalt, das Ganze ist die Höhepunkt- und Mittelszene, von der ab sich dann die gegenseitigen Beschuldigungen  abspulen, (Vater und Tochter beschuldigen sich gegenseitig des Diebstahls), die Emotionen hochsteigern, (der Narr sagt dem Reichen wutschäumend einige Wahrheiten), die entscheidend politischen Worte über das Eigentum gesagt werden. Mitschuldig sind alle daran, dass sich nichts ändert.

Marionettenhaftigkeit und spielerisch-variantenreich

Der Wirt ist schauspielerisch der beste, sein Minenspiel, seine Körperbeherrschung, sein Treffen des Typischen seiner Figur sind einmalige Glanzleistung, auch hat er eine ganz besondere Steifigkeit, Marionettenhaftigkeit, die seiner gesellschaftlichen Rolle unmittelbar entspricht. Ebenso Alcest. Söller ist freier, als Trunkenbold und Schuldenmacher  ist seine Rolle spielerisch-variantenreich angelegt. Alcests Arroganz eines höheren Herrn, seine Lächerlichkeit im Herabsehen auf alle, ist wunderbar dümmlich-ambivalent gespielt. Die Frau in ihrem Trotz und ihrer Stärke, ihrer Berechnung und ihren kleinen Siegen, spielt gut, schnell und wendig, manchmal mit etwas zu gleichförmigem Minenspiel als einzigem Minus.

Das Schloss anzünden!

Sommertheatergenuss pur, danach entweder eine Tanzpartie auf der Open-Air-Bühne direkt unterhalb des Theaters, wo 80-jährige mit 20-jährigen Swing tanzen oder, wie war das noch, das Schloss anzünden, den halbfertigen Protzbau, der nun über der Leiche das DDR-Republikpalastes thront und Kaisers Zeiten wiederauferstehen lässt.

Karten hier

 

 

Ein Gedanke zu “Die Mitschuldigen – im Monbijou-Sommer-Theater

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.