Halt auf freier Strecke – Filmrezension

17.11.11 / jw-Feuilleton

Sterben und Tod auf die Leinwand zu bringen ist riskant, die meisten Menschen verdrängen diese Themen lieber. Andreas Dresen hat sich diesem Krankheitsbild angenommen und daraus einen ungewöhnlichen Film gemacht, der weniger schockiert als beruhigt.

Ein Mann ( einzigartig gespielt von Milan Peschel) erfährt, dass er einen bösartigen Hirntumor hat, der ist an einer inoperablen Stelle im Gehirn, kann nur bestrahlt werden., Ein Glioblastom. In der ersten Einstellung harmloses Arztzimmer, Telefongespräche nebendran, der Arzt spricht in die Muschel: „Nein, das ist nicht der Patient..“, der Ehefrau (Steffi Kühnert, großartig!) laufen Tränen die Wangen hinunter, der Mann guckt angespannt, große erschreckte Augen.  Er schaut skeptisch, zerfurcht, dies wird er lange Zeit nicht ablegen, erst ganz spät, kurz vor seinem Tod, sieht man ihn das erste Mal wieder entspannt aussehen. Als habe sich über sein Gesicht ein finsterer Vorhang aus Wut gelegt.

Die Authentizität des Aufklärungsgesprächs, ebenso wie aller anderen medizinischen Szenen, wird dadurch unterstrichen, dass diese Teile mit einem „echten“ Arzt gedreht werden, mit echtem Fachpersonen, hier ist besonders gut die „Home-Care-Ärztin“ für Sterbebegleitung.

Im Weiteren werden die drei Monate bis zu seinem Tod, Tag für Tag nachgezeichnet, man erlebt alles aus dem inneren Blickwinkel einer Familie, die mitten in ihrem Alltagsleben mit neuem Haus, Kindern und Plänen wie von einem Blitz getroffen ist. Plötzliches Ende, Vorbeisein von allem, Schmerzen, immer weniger können.   

Interessant an dem Film ist nicht nur seine unbedingte Echtheit, alles ist absolut professionell nachgezeichnet, sondern dass dem Zuschauer trotz all dieser Echtheit und Schonungslosigkeit der Darstellung, Ängste eher genommen werden.

Erste Frage: Wie sag ichs meinen Kindern? Nach dem Arztgespräch sitzt die Familie beim Essen, Gesprächsgeplänkel um Alltagssachen, der Mann sinkt weinend mit dem Kopf auf die Arme, gequältes, verkrampftes, sich selbst unterdrücken wollendes Weinen, die Kinder erschreckt, die Frau erklärt: „Papi ist ganz schlimm krank!“

Eltern kommen zu Besuch: „Nicht das du losheulst!“, sagt der Vater zur Mutter (sehr gut gespielt von Christine Schorn), am Ende weint er selbst. Die Kommunikation kommt mit wenig Worten aus, den krebskranken Frank sieht man mit Gitarre in seinem Zimmer auf das Grundstück schauen, Balkon, Wiese, er klimpert ein paar Akkorde, dann liegt er da, starrt die Decke an. Sehr gut die Sequenzen, wo er beginnt mit seinem I-Phon-Handy alles aufzunehmen, was um ihn herum ist, einschließlich seiner Selbst, man sieht sein Gesicht, verzerrt im Weitwinkel, er fragt sich, wie es wohl sein wird, weitergehen wird, laufen wird, erzählt sich den folgenden Witz: „Sagt ein Arzt einem Patienten, ich habe zwei traurige Mitteilungen: Sie haben Krebs und sie haben Alzheimer. Sagt der Patient, na, wenigstens keinen Krebs!“ Die Monologe mit Handy sind die in Bildern sichtbar gemachten Selbstgespräche und Gedankenwirbel eines zum Tode verurteilten Menschen. Ein guter Kunstgriff und ein völlig nachvollziehbares Bedürfnis, alles festhalten, was noch da ist und bleibt, nachdem man selbst schon nicht mehr ist, die Zeit tickt an zwei Stellen des Films, keine aufdringliche Symbolik, wie zufällig ist da eben ein Wecker zu hören. Der Film zeigt den gewaltigen Umbau, den die Familie durch diese Krankheit erfährt und geht dem Prozess des Sterbens nach, der mit den ersten Worten des Arztes begonnen hat, über die Phase der Verleugnung, der Abspaltung, der Wut, des Protestes, der Hilfesuche und schließlich der Annahme und des Abschiednehmens, ein großartiges Schauspiel, dabei unspektakulär, einfach, es sind immer fast dieselben Einstellungen, aus denen die Wohnung gezeigt wird, sein Zimmer, die Treppe, die Türen der Kinderzimmer. Einmal, als er schon oft nach Worten für die Begriffe suchen muss, die er wohl weiß, aber nicht zu benennen schafft, verwechselt er das Zimmer der Tochter mit dem Klo, „Was machen wir jetzt?“, fragt die Frau, alles bespricht sie mit ihm, er bleibt Subjekt, wird nie entmündigt, immer einbezogen. In der nächsten Einstellung sieht man alle Familienmitglieder Schilder malen, Türen und Gegenstände beschriften. Es hilft ihm. Auf der Tür nach draußen steht: „Nicht allein raus gehen!“

Erstaunlich an diesem Prozess ist seine Alltagstauglichkeit, es gibt Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Streits, besonders in der Übergangsphase, wo ihm die Fähigkeit sinnvoll zu handeln, zu koordinieren, zielgerichtet zu arbeiten und Geduld zu haben, stückweise verloren geht, dann zeigen sich aber auch wieder enorme Fähigkeiten, zB zu sortieren, einmal sortiert er alle Nägel und Schrauben seiner Werkstatt: “Für dich!“, sagt er stolz zu seiner nach Hause kommenden Ehefrau. Es ist, trotz der hohen Dramatik der Situation, der Geschwindigkeit, mit der der Sterbeprozess stattfindet, ein sanfter Film, behutsam in allen seinen Einstellungen, Dialogen, Ideen.  Und das Wichtigste: Der Mann bleibt von der ersten bis zur letzten Minute er selbst, er wird nie zum Fremden, zu einem unberechenbaren Hirnkranken, vor dem man sich nächtens fürchten muss und mit dem man seine Kinder nicht allein lassen darf. Im Gegenteil, die Kinder sind immer einbezogen, man erfährt auch warum, die Home-Care-Ärztin Petra Auwar erzählt es an einem für die Familie besonders schweren Tag: „Wenn sie ihn jetzt ins Krankenhaus bringen, dann erinnern die Kinder sich nur an den Tod als etwas Schreckliches, was Schmerzen verursacht, sie sind es ihren Kindern schuldig, denn in Wahrheit wird es ein sanftes Einschlafen sein, er wird immer weniger häufig die Kraft haben wach zu sein!“  Sterben kann sanft sein, aber nur dann, wenn die liebsten Menschen um einen sind, wenn man nicht in den letzten Minuten in einem kalten OP-Ambiente, einsam in einer Klinik verbringen muss.  Alleinsein im Sterben, das wie ein zweites Sterben ist.

Dresens Film ist ein einzigartiges Plädoyer für das Zuhause-sterben, vorsichtig, nicht aufdringlich, echt und milde in all seinen Facetten, eine Seltenheit in der Filmlandschaft, wo wir den Tod fast immer nur gewalttätig erleben müssen, brutal bis zur Abstumpfung. Dieser Film setzt ein Gegengewicht.     

Sterben und Tod auf die Leinwand zu bringen ist riskant, die meisten Menschen verdrängen diese Themen lieber. Andreas Dresen hat sich diesem Krankheitsbild angenommen und daraus einen ungewöhnlichen Film gemacht, der weniger schockiert als beruhigt.

Ein Mann ( einzigartig gespielt von Milan Peschel) erfährt, dass er einen bösartigen Hirntumor hat, der ist an einer inoperablen Stelle im Gehirn, kann nur bestrahlt werden., Ein Glioblastom. In der ersten Einstellung harmloses Arztzimmer, Telefongespräche nebendran, der Arzt spricht in die Muschel: „Nein, das ist nicht der Patient..“, der Ehefrau (Steffi Kühnert, großartig!) laufen Tränen die Wangen hinunter, der Mann guckt angespannt, große erschreckte Augen, vielleicht ist auch er nicht „der“ Patient? Er schaut skeptisch, zerfurcht, dies wird er lange Zeit nicht ablegen, erst ganz spät, kurz vor seinem Tod, sieht man ihn das erste Mal wieder entspannt aussehen, lächeln. Es ist ab jetzt, als habe sich über sein Gesicht ein finsterer Vorhang aus Wut gelegt, sehr authentisch gespielt.

Die Authentizität des Aufklärungsgesprächs, ebenso wie aller anderen medizinischen Szenen, wird erreicht, weil diese Teile mit einem „echten“ Arzt gedreht werden, ebenso, wie die weiteren Fachpersonen im Film jeweils tatsächlich in diesem Bereich Trauer- und Pflegearbeit machen und aus der Palliativmedizin sind, hier ist besonders gut die „Home-Care-Ärztin“ für Sterbebegleitung.

Im Weiteren werden die drei/vier Monate bis zu seinem Tod Tag für Tag nachgezeichnet, man erlebt alles aus dem inneren Blickwinkel einer Familie, die mitten in ihrem Alltagsleben mit neuem Haus, Kindern und Plänen wie von einem Blitz getroffen ist. Plötzliches Ende, Vorbeisein von allem, unbekanntes Leiden, Vergehen, Schmerzen, immer weniger können?   

Interessant an dem Film ist nicht nur seine unbedingte Echtheit, alles ist absolut professionell nachgezeichnet, genauso habe ich es als Krankenschwester auf einer neurochirurgischen Intensivstation zwei Jahre lang erlebt, sondern dass dem Zuschauer trotz all dieser Echtheit und Schonungslosigkeit der Darstellung, Ängste eher genommen werden.

Erste Frage: Wie sag ichs meinen Kindern? Nach dem Arztgespräch sitzt die Familie beim Essen, Gesprächsgeplänkel um Alltagssachen, der Mann sinkt weinend mit dem Kopf auf die Arme, gequältes, verkrampftes, sich selbst unterdrücken wollendes Weinen, die Kinder erschreckt, die Frau erklärt: „Papi ist ganz schlimm krank!“

Eltern kommen zu Besuch: „Nicht das du losheulst!“, sagt der Vater zur Mutter (sehr gut gespielt von Christine Schorn), am Ende weint er selbst, als die Frau ihm den Ernst der Lage verklickert. Die Kommunikation kommt mit wenig Worten aus, den krebskranken Frank sieht man mit Gitarre in seinem Zimmer auf das Grundstück schauen, Balkon, Wiese, er klimpert ein paar Akkorde, dann liegt er da, starrt die Decke an. Sehr gut die Sequenzen, wo er beginnt mit seinem I-Phon-Handy alles aufzunehmen, was um ihn herum ist, einschließlich seiner Selbst, man sieht sein Gesicht, verzerrt im Weitwinkel, er fragt sich, wie es wohl sein wird, weitergehen wird, laufen wird, erzählt sich den folgenden Witz: „Sagt ein Arzt einem Patienten, ich habe zwei traurige Mitteilungen: Sie haben Krebs und sie haben Alzheimer. Sagt der Patient, na, wenigstens keinen Krebs!“ Die Monologe mit Handy sind die in Bildern sichtbar gemachten Selbstgespräche und Gedankenwirbel eines zum Tode verurteilten Menschen. Ein guter Kunstgriff und ein völlig nachvollziehbares Bedürfnis, alles festhalten, was noch da ist und bleibt, nachdem man selbst schon nicht mehr.., die Zeit tickt an zwei Stellen des Films, keine aufdringliche Symbolik, wie zufällig ist da eben ein Wecker zu hören. Der Film geht der Krankheit des Mannes Schritt für Schritt nach, dem gewaltigen Umbau, den die Familie dadurch erfährt, schon in der ersten Eröffnungsszene am Abendbrottisch übernimmt die ältere Tochter Mitverantwortung für den kleinen Bruder, indem sie ihn nach seinen Hausaufgaben fragt, während die Mutter zum weinenden Vater geeilt ist, psychologisch genau beobachtet. Sie geht auch dem Prozess des Sterbens nach, der mit den ersten Worten des Arztes begonnen hat, über die Phase der Verleugnung, der Abspaltung, der Wut, des Protestes, der Hilfesuche und schließlich der Annahme und des Abschiednehmens, ein großartiges Schauspiel, dabei unspektakulär, einfach, es sind immer fast dieselben Einstellungen, aus denen die Wohnung gezeigt wird, sein Zimmer, die Treppe, die Türen der Kinderzimmer. Einmal, als er schon oft nach Worten für die Begriffe suchen muss, die er wohl weiß, aber nicht zu benennen schafft, verwechselt er das Zimmer der Tochter mit dem Klo, „Was machen wir jetzt?“, fragt die Frau, alles bespricht sie mit ihm, er bleibt Subjekt, wird nie entmündigt, immer einbezogen. In der nächsten Einstellung sieht man alle Familienmitglieder Schilder malen, Türen und Gegenstände beschriften, denn die Fähigkeit zu lesen bleibt länger, da sie einfacher ist, nicht so komplex wie ein Zimmer wiedererkennen. Es hilft ihm. Auf der Tür nach draußen: „Nicht allein raus gehen!“

Erstaunlich an diesem Prozess ist seine Alltagstauglichkeit, es gibt Vorwürfe, Schuldzuweisungen, Streits, besonders in der Übergangsphase, wo ihm die Fähigkeit sinnvoll zu handeln, zu koordinieren, zielgerichtet zu arbeiten und Geduld zu haben, stückweise verloren geht, dann zeigen sich aber auch wieder enorme Fähigkeiten, zB zu sortieren, einmal sortiert er alle Nägel und Schrauben seiner Werkstatt: “Für dich!“, sagt er stolz zu seiner nach Hause kommenden Ehefrau. Es ist, trotz der hohen Dramatik der Situation, der Geschwindigkeit, mit der der Sterbeprozess stattfindet, ein sanfter Film, behutsam in allen seinen Einstellungen, Dialogen, Ideen.  Und das Wichtigste: Der Mann bleibt von der ersten bis zur letzten Minute er selbst, er wird nie zum Fremden, zum Monster, zu einem unberechenbaren Hirnkranken, vor dem man sich nächtens fürchten muss und mit dem man seine Kinder nicht allein lassen darf. Im Gegenteil, die Kinder sind immer einbezogen, man erfährt auch warum, die Home-Care-Ärztin Petra Auwar erzählt es an einem für die Familie schweren Tag: „Wenn sie ihn jetzt ins Krankenhaus bringen, dann erinnern die Kinder sich nur an den Tod als etwas Schreckliches, was Schmerzen verursacht, sie sind es ihren Kindern schuldig, denn in Wahrheit wird es ein sanftes Einschlafen sein, er wird immer weniger häufig die Kraft haben wach zu sein!“  Sterben kann sanft sein, aber nur dann, wenn die liebsten Menschen um einen sind, wenn man nicht in den letzten Minuten in einem kalten OP-Ambiente, einsam in einer Klinik verbringen muss. Da ist Sterben mit den fürchterlichsten Ängsten verbunden, die man sich vorstellen kann, so erleben es alle Menschen im Krieg, in Knästen, in Heimen und Kliniken, die man dort oft isoliert und die man nicht selten  anbinden muss, so toben und wüten sie gegen den Tod an, doch in Wahrheit gegen das, was ihnen die Mitmenschen bereiten, das Alleinsein im Sterben, das wie ein zweites Sterben ist.

Dresens Film ist ein einzigartiges Plädoyer für das Zuhause-sterben, vorsichtig, gar nicht aufdringlich, unbedingt echt und milde in all seinen Facetten, eine Seltenheit in der Filmlandschaft, wo wir den Tod fast immer nur gewalttätig erleben müssen, brutal bis zur Abstumpfung. Dieser Film setzt ein Gegengewicht.    

»Halt auf freier Strecke«, Regie: Andreas Dresen, Deutschland/Frankreich 2011, 110 min, Kinostart: heute

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