Sinti und Roma in Berlin – Ausstellungsbesuch

Karl Ceijkajw / Feuilleton / 29.11.11

Bis heute ist kaum ins öffentliche Bewußtsein gedrungen, daß 500000 Sinti und Roma von den Nazis ermordet wurden. Wie aktuell die Diskriminierung der Bevölkerungsgruppe ist, zeigt die Ausstellung »Reconsidering Roma« im Kunstquartier Bethanien, in Berlin-Kreuzberg.

Ihre tradierte Lebensweise widerspricht dem herrschenden Konsens der »Gadsches«. So nennen Roma die arbeitsamen, zwangsweise ruhiggestellten Nicht-Roma, von denen sie entwürdigt, ausgegrenzt und beispielsweise in den Kosovo abgeschoben werden, wo sie nach dem »grünen« Jugoslawien-Krieg schärfsten Verfolgungen ausgesetzt sind.

Meine Geschichte ist jung

Gemälde, Grafiken, Fotos, Filme und Glasmalereien erzählen im Bethanien eine lange Geschichte der Verfolgung. Zunächst sind da die Bilder der Geschwister Karl und Ceija Stojka. Beide waren als Kinder im KZ Auschwitz-Birkenau. Er überlebte später noch einen Todesmarsch, sie gelangte mit ihrer Mutter und einer Schwester über Ravensbrück nach Bergen-Belsen. »Ich bin eine alte Frau geworden, aber meine Geschichte ist jung. Die ist gestern für mich passiert«, sagte Ceija Stojka im vergangenen April. Im Bethanien sind Bilder aus einer großen Serie zu sehen, die sie von 1997 bis 2004 mit Tusche und Aquarell anfertigte. »Sogar der Tod hat Angst vor Auschwitz« ist deren Titel.

Wegen Neigung zu Diebstählen und Betrügereien

Ceija und Karl Stojka konnten sich von den Kindheitserlebnissen in der Nazizeit nie befreien. Ganz im Gegenteil zu den rassistischen Tätern, die 1956 von einem Urteil des Bundesgerichtshofs bestätigt wurden: Sinti und Roma kamen demnach wegen ihrer »Neigung zu Diebstählen und Betrügereien« sowie ihrer »Ungehemmtheit« in die Konzentrationslager. Es handelte sich bei den Maßnahmen der Nazis um »Kriminalitätsprävention«, weshalb die Opfer keinen Anspruch auf Entschädigung hätten. Niemand in der bundesrepublikanischen Nachkriegsdemokratie nahm daran Anstoß. Über Ceija Stojka ist in der Ausstellung ein Film zu sehen. Dessen Regisseurin Karin Berger gab auch Bücher heraus, die Stojka in den 50ern heimlich in ihrer Küche schrieb. In einer erschütternden Filmszene stellt Ceija Stojka ihren Kindern die einstmals 50köpfige Familie vor – anhand einer Reihe »rassenhygienischer Karteikarten« der Nazis: den verhungerten Bruder, die ermordeten Cousins, Cousinen, Großmütter …   Man sieht die Familie dann gemeinsam in Ceijas Wiener Wohnung. Sie einen, sie lachen, sie essen und singen. Und Ceija erzählt, packend, in einer poetischen Sprache. Sie kann nicht aufhören zu erzählen. Man sieht sie malen, für die Familie kochen, auf dem Sofa liegen. Auf ihrem Unterarm ist die tätowierte Nummer mit einem Z deutlich erkennbar. Sie war zehn Jahre alt, als sie ins KZ kam. Nach der Befreiung erklärte ihr ein Engländer, sie dürfe nun einen Aufseher, der sie gequält habe, mit dem Gewehrkolben niederschlagen. Da weinte sie, und lief zu ihrer Mutter.

Gemalt habe ich nicht aus Rache

Auch ihr Bruder Karl sagte: »Gemalt habe ich nicht aus Rache, sondern nur um ein einziges Ziel zu erreichen: Niemals sollen sie vergessen sein, unsere Toten…« Neben seinen Gemälden ist in der Ausstellung die raumgreifende Installation »Hexenjagd« von Delaine Le Bas zu sehen, die sich selbst als »Gypsy« bezeichnet. Unter einem Stoffzelt werden Klischees von Nomaden in bunten Kleidern mit Zeugnissen der Verfolgung vermischt. Dazu an der Wand antiziganistische Sprüche, wie sie dann auch in einem Kurzfilm über Fußballfans im Ungarn von heute fallen (»Fradi is better«, Norbert Szirmai). Ein blondes Mädchen lacht in die Kamera: »I have only one problem with them, that they exist«.

Noch bis 11. Dezember im Kunstquartier Bethanien/Studio 1; Katalog von Lith Bahlmann und Matthias Reichelt bei Wallstein, 192 S., 19,90 Euro

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