Hänsel und Gretel gehn Mümmelmannsberg – Rezension

Mümmelmannsberg Volker Löschs Beitrag zur Kinderarmutsdiskussion: Zusammen mit den Betroffenen entwickelt, ein modernes Märchen von Hänseln und Greteln am Schauspielhaus in Hamburg. Ab 25.9.10

Das Märchen Hänsel und Gretel, bei dem die Kinder erst von ihren verarmten Eltern verstoßen werden, dann im Wald verzweifeln und einem Blendwerk von Süßigkeiten erliegen, um danach gefangen, ausgesaugt und um ihre Lebenskraft gebracht, gerade noch im letzten Moment die Kinderquälerin zu überwältigen und mit Schätzen beladen heimzukehren schaffen, kann man auch als Sozialgleichnis verstehen. Volker Lösch hat es getan und das traditionelle zu einem modernen Märchen umgeformt und dem einen Laiensprechchor von Bewohnern eines sozialen Verarmungsbezirks in Hamburg antithetisch entgegengestellt.

Am Anfang stellen sich alle mit Namen vor und der Geschwisteranzahl 

38 Erwachsene, Kinder und Jugendliche, unerkennbar, wer Laie, wer Schauspieler sitzen  in einer langen Reihe recht vorn am Bühnenrand, auf den typischen Möbeln einer Hartz IV-Wohnung, Holzimitatwohnzimmer-schrankwand, Waschmaschine, Riesenkühlschrank, aufeinandergestapelte Stühle, Sofa, Fernseher, von der Rückwand aus gesehen. Am Anfang stellen sich alle mit Namen vor und rufen ihre Geschwisteranzahlen, man hört drei, vier, sechs, neun,  in der Mitte eine sehr dicke Frau mit zerzausten Haaren, die mit verrauchter Schreistimme brüllt: „Halt die Klappe!“.  Dann kommen die typisch skandierten Sprechchorsätze aus dem Leben der Betroffenen, die wie immer eindrücklich erzählt werden, einerseits gleichzeitig, andererseits individuell getönt, man hat den Eindruck, dass derjenige, dem diese Sätze gehören, also aus dessen eigenen Sätzen diese Sequenzen stammen, vortritt und intensiver ruft. Ein eindrucksvolles Schauspiel von Deklamation und Anklage.  Die Kinder sind zwischen 12 und 14 Jahren, die Erwachsenen spielen oder sind ihre Eltern, die Schauspieler erscheinen untergemischt. 

Springt auf und akklamiert wütend Perspektivlosigkeit

Nach der Vorstellung kommt die Schilderung der Lebensverhältnisse, die irgendwann kulminiert im typischen Stiefväterkonflikt: „Du bist faul, ein Nitznutz.“, das kommt von Seiten der zusammengeballten Stiefväter,  „Du hast mir gar nichts zu sagen!“ entgegnen wütend die ihnen gegenüberstehenden Kinder. Eine besonders starke Szene, jetzt von Schauspielern gespielt, wird hier unauffällig dazwischengeschaltet, ein bisher nur schlaff und apathisch vor der Glotze herumhängender junger Mann im Unterhemd wird überraschend zu einer ins Höchste gesteigerten Anklagefigur. Er erhebt sich, springt wie ein Mensch, von Michelangelo gemalt, nach vorn und akklamiert wütend die Perspektivlosigkeit heutiger proletarischer Jugend, seine Worte sind wütend und voller Kraft gegen die Richtigen, er erkenne keine Regeln mehr an, ruft er, nicht mehr, seit er begriffen hat, was hier los sei. 150 Bewerbungen habe er geschrieben und er zählt in atemberaubender Geschwindigkeit auf, in wie zahlreichen Berufen er sich schon ausprobiert habe, das Publikum kann nicht anders, als ihn bewundern, seine ganze verschwendete Kraft.

Wir waren kanufahren

Daneben wird die Schule problematisiert, egal wie gut man hier abschließe, heißt es, man sei aus Mümmelmannsberg, dann sei es das schon, man wird nicht genommen. Während die Jugend also rebelliert, zum Teil kriminell, die Erwachsenen unzufrieden, resignativ und motzig sind,  mit ihrem Leben schon abgeschlossen zu haben scheinen, drücken die Kinder noch echte Hoffnung auf eine weit vor ihnen liegende rosige Zukunft aus, mit den Berufswünschen Tierärztin, Chirurg, Politiker auf sehnsuchtsvoll-unrealistische Weise. Der aus dem obersten Rang auf die Szene von oben herab dazukommende Lehrer, berichtet, was die Schule zum Abbau der Klassengrenzen beisteuere: „Wir machen hier einen ganz anderen Unterricht, wir waren kanufahren…“  Die Linien der Generationen kreuzen und widersprechen sich, daraus erhebt sich eine dem Märchen nicht unähnliche Dynamik. Die Kinder wollen wie alle Kinder akzeptiert, nicht wegen ihrer sozialen Herkunft abgestempelt sein, die Eltern verzweifeln, das hassen die Kinder, eine Spannung entsteht. Dazu der Lehrer: „Ich habe Angst, dass das Bürgertum große Häuser baut, mit riesigen weißen Mauern drumrum!“

Glanz und Glitter gute Laune

Eine nächste Szene beginnt, die langgestreckte Wohnung wird nach hinten gezogen, die auf den Möbeln sitzenden Menschen sehen nun wie Puppen im Hintergrund aus und vor der Bühne in einem Zwischenspiel werfen alle Eltern ihre Kinder in einem Wald in einer Mischung aus Scham und Drohung auf den Boden. Hiernach beginnt eine mediale Verführungsszene. Typische Fernsehmenschen werden auf einem Podium hereingefahren, die Bühne erweitert sich wieder, in Glanz und Glitter mit künstlicher guter Laune und konstruiertem Sarkasmus-Humor beleben die Medienmenschen ein in Regenbogenfarben schillerndes Podium, auf dem die Geschichte vom Tellerwäscher propagiert wird: „Mach was aus dir und du wirst siegen!“   

Es beginnt ein Kampf jeder gegen jeden

Die Kinder treten in Massenszene in Hänsel- und Gretelkostümen auf und wiederholen die angelernten Sätze: „Ich bin überwältigt von mir selber!“, „Meinen Namen werdet ihr euch noch merken, die anderen Namen werdet ihr vergessen!“  Es beginnt ein Tanz der Excludierten, die Überflüssigen liegen am Boden, ein Kampf jeder gegen jeden, allmählich geht diese Szene in eine andere über, in der ein in Reklameneonlicht glitzerndes „Hexenhaus“ auf der Bühne erscheint, das sich dreht und dabei an allen vier Haushälften in Geschenkpapier eingewickelte „bessere Familien“ präsentiert, deren Kinder erzählen: „Mein Vater ist Arzt, wir haben ein Haus in Blankenese, ich will im Ausland studieren…“, wie immer bei den Stücken von Volker Lösch lebt das Stück aus der Dialektik, der Dynamik der einander gegenübergestellten Gegensätze, diese Szene ist sehr stark in seiner Wirkung. Sie wird von weiteren Gegensatzbildern gebrochen: Oben im Dachgeschoss des „besseren“ Hauses, sitzt, leicht versteckt, auf der Hinterseite,  eine dicke Mutter zahlloser Kinder vor einer Glotze, breit, ungepflegt und übergewichtig, wie der weißen Unterschicht der USA entsprungen, motzt sie ihre Kinder unverhohlen brutal an, sie werden dabei von ihr mit Ships zwangsgefüttert:  „Verzieht euch, krepiert, geht mir aus den Augen!“ Die Überforderung hat sich in blanken Hass verwandelt und feiert ihre Triumphe.

Sportkurs gesponsert

Am Ende wird ein Hänsel herausgegriffen und von Talkmastern in einer Fernsehsendung mit einer Spende beglückt, eine Sackgasse wird nach ihm benannt, er bekommt einen Sportkurs gesponsert, sie reden in verstümmelten Sätzen mit ihm. In der letzten Szene wird wie bei Marat eine Liste ins Publikum geschrien, diesmal mit den Namen all der Armenbezirke von Hamburg, die wie in einem von Nord- nach Südost ziehenden Halbkreis um die reichen Alster- und Elbbezirke herum gruppiert sind und deren Ausläufer sich unten vor der Hafencity neuerdings gefährlich zu berühren beginnen.

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