Interview mit Gripschef Volker Ludwig – von Christof Meueler

Übername aus:     28.4.12 / jw-Feuilleton

Interview: Christof Meueler
Der Staat soll das Grips-Theater retten! Am Mittwoch endete das

Der Staat soll das Grips-Theater retten! Am Mittwoch endete das Soli-Singen beim Flashmob am U-Bahnhof Wittenbergplatz mit einem Polizeieinsatz
Foto: Björn Kietzmann
Volker Ludwig, Jahrgang 1937, ist der Gründer und Geschäftsführer des Berliner Grips, dem bekanntesten deutschen Theater für Kinder (und Erwachsene)

Das Grips-Theater kämpft wieder gegen den Untergang. Herr Ludwig, Sie haben in einer Pressemitteilung erklärt, »es macht unendlich müde, 43 Jahre lang klinkenputzend um die nackte Existenz eines weltberühmten Theaters kämpfen zu müssen«. Wie fühlen Sie sich heute?

Ich fühle mich nicht viel anders. Natürlich gebe ich als alter 68er die Hoffnung nie auf. Wenn das ein normaler Betrieb wäre, hätte ich schon längst hingeschmissen. Aber das kann ich nicht – denn wir sind für unser Publikum, das hauptsächlich aus Kindern und Jugendlichen besteht, da.

Aber mit denen verdient man kein Geld.

Bei unseren Schulvorstellungen kosten die Karten vier Euro für Grund- und fünf Euro für Oberschüler. Das ist das Problem. Das können wir uns eigentlich gar nicht leisten. Bei so einem Stück wie »Pünktchen trifft Anton« sind eine Vier-Mann-Band und auch noch zwei Gastschauspieler dabei, da ist das Endergebnis gleich null. Bei den Abendvorstellungen für Erwachsene kostet die Karte 20 Euro. Wenn wir weiterhin so wenig Geld bekommen wie jetzt, dann müssen wir die Schulvorstellungen abschaffen – und das wäre absolut gegen den Sinn unseres Theaters.

Was brauchen Sie, um zu überleben?

Wir müssen entschuldet werden und auf Dauer 150000 Euro pro Jahr mehr kriegen, damit wir wieder normal arbeiten können, und wir müssen endlich unseren Leuten eine Lohnerhöhung zahlen. Die spielen seit Jahren für minimales Geld. Für die Schauspieler der anderen Berliner Staatstheater, aber auch der Schaubühne, wurden die Gagen in den letzten zehn Jahren um acht bis zehn Prozent erhöht, nur unsere bekommen nichts. Offenbar ist man der Meinung, daß Kindertheatermacher weniger Geld brauchen als Erwachsenentheaterleute.Als würden die nur Kinderportionen essen, in Kinderbetten schlafen und noch bei den Eltern wohnen.

Ist das Grips dem Berliner Senat egal?

Wenn ich der Kulturverwaltung mitteile, daß wir jedes Jahr weniger Geld zur Verfügung haben, weil die Miete und andere Kosten gestiegen sind und wir dieses Jahr ein Defizit von mindestens 150000 Euro haben werden, das wir nicht aus eigener Kraft ausgleichen können, dann sagen die mir, ich soll froh sein, daß die Unterstützung, die wir bislang bekommen, nicht gekürzt worden ist. Wenn wir mehr Geld haben wollen, dann sollen wir uns an das Abgeordnetenhaus wenden. Das sagt mir auch der Regierende Bürgermeister Wowereit. Nach dem Motto: »Du weißt doch, der Kulturetat ist festgeklopft, ich bin nicht das Parlament.«

Aber er hat doch eine Mehrheit im Abgeordnetenhaus.

Ja, aber das Abgeordnetenhaus hat das Haushaltsrecht. Offiziell sind Senat und Landesparlament zwei verschiedene Institutionen.

Glauben Sie, es gibt beim SPD-CDU-Senat politische Animositäten?

Nein, die alten Vorwürfe, von wegen wir wären zu links, gibt es nicht mehr. Wir sind von der CDU längst akzeptiert, aber es gibt unterschiedliche Interessen. Die CDU ist für die Boule­vardtheater und die SPD für freie Gruppen. Und dazwischen rutscht das Grips irgendwie raus. Ich wurde nicht mal angehört vom Kulturausschuß. Bei früheren Krisen des Grips war das anders.

Doch die aktuelle Krise ist immer die schwerste?

Das sagt sich leicht dahin, stimmt aber. Unser Theater befindet sich in der schwersten Krise seit 1986. Damals wären wir beinahe pleite gegangen, es fehlten uns 260000 DM, die wurden dann über das Parlament vom Senat aufgebracht. Westberlin war aber verhältnismäßig wohlhabend, hochsubventioniert. Heute fährt das Land Berlin seit Jahren einen harten Sparkurs, und wir brauchen fast doppelt soviel Geld, um zu überleben.

Und Sie müssen sich drum kümmern, obwohl Sie schon in Rente sind?

Was heißt hier Rente?! Bekomme ich nicht, ich muß immer weitermachen. Als Arbeitgeber darf ich nicht mal in die Künstler-Sozialkasse. Ich habe einen der höchsten Löhne in diesem Haus, nämlich 3000 Euro, aber ich muß davon alles selber bezahlen, Krankenkasse, Steuern und so weiter.

Sind Ihnen Kinder als Publikum lieber als Erwachsene?

Nein, wir mögen beide Zuschauergruppen. Es ist wunderschön, »Linie 1« für ein erwachsenes Publikum zu spielen, weil dann die ganzen ironischen Sachen funktionieren. Ich komme vom politischen Kabarett, und da lebt man ja von Ironie. Ironie funktioniert bei Kindern gar nicht. Und die gegenwärtige Ironie besteht darin, daß das Grips-Theater als Kindertheater weltberühmt ist, sich aber seinen Erfolg nicht mehr leisten kann. Es sei denn, das Parlament rettet uns. Der Hauptausschuß des Abgeordnetenhaus entscheidet am nächsten Freitag, dem 4. Mai.

»Kindertheater für alle!«, am heutigen Samstag 20 Uhr. Lange-Grips-Nacht mit Gästen wie z.B. Lars Eidinger

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