Menschenfeind im Schauspielhaus Frankfurt – Rezension

Der Menschenfeind in der Bankenstadt Frankfurt, in der Regie von Günter Krämer ist so gespielt, dass sie Molière näher als jede andere Inszenierung kommt. Gleichzeitig entspricht sie der heutigen Zeit in hohem Maße.

Ein abgerissener Dichter in einer nächtlichen Bar zu Füßen einer Frau, die er deshalb liebt, weil sie stolz, unabhängig und intelligent ist und jedem ihre Wahrheiten ins Gesicht knallt, ebenso wie er das auch gern macht. Die herumsitzenden anderen, nach ihrem unbefriedigten Arbeitstag gelangweilte Bankerfreunde,  in ihren Anzügen ununterscheidbar, kommentieren durch gehässiges Lachen. Er gehört nicht dazu, durchschaut, macht das originell sichtbar, ein origineller Alt-68iger, der seiner Weltanschauung, sich nicht kaufen zu lassen, vorerst treu geblieben ist. Er gibt den Menschenfeind  sympathisch und als gedanklichen Aufrührer und Sichtbarmacher von Anpassungsleistungen.

Es gibt nur den Gesellschaftsfeind

Ausgedrückt wird hier: „Menschenfeind, das gibt es gar nicht. Es gibt nur den Gesellschaftsfeind, den Feind einer bestimmten Gesellschaft, mit bestimmten Zügen“ (Hösle, Köhler nach Programmheft). Nämlich solchen, wie sie hier und jetzt herrschen, wo einer des anderen Feind, in gnadenloser Konkurrenz zueinander ist. Und nur noch dieser eine, Übriggebliebene, ist da, der sich dem Anpassungsdruck aktiv widersetzt.

Das Publikum schaut wie in einen Spiegel

Der Text, 1666 uraufgeführt, wirkt wie eben erst in unserer Gesellschaft ausgedacht. Er wird durch Bühne und Kostümierung außerdem hier aktuell auf diejenigen angewandt, die in dieser Stadt dazugehören.  Es sind auch zugleich die, die sich Theaterkarten leisten können, das Publikum  schaut  wie in einen Spiegel. So hatte sich Moliere das vorgestellt. Das ist auch hier beabsichtigt und kommt gut rüber.

Schmeicheln verursacht ihm Brechreiz

Wolfgang Michael gibt den Alceste im ersten Teil sehr witzig und sympathisch, als unabhängigen Menschen, der im  vorteilsheischenden Schmeicheln nicht geübt ist und dem dies auch Brechreiz verursacht. So wird er zur heimlichen Identifikationsfigur und darum angehimmelt. Doch genau das hasst er noch mehr und zerpflückt, in der bekannten Eingangsszene, gekonnt und sogar vorsichtig das scheußlich-hässliche Kitschgedicht des kriecherischen Oronte. Dieser entpuppt sich aber als empfindlich und verklagt den ehrlichen Kritiker, zumal er auch auf dessen Freundin scharf ist. Soweit, so gut und sattsam bekannt. 

Nicht feindlich

Der Unterschied: Oft wird der „Menschenfeind“ Alceste muffelig, resigniert, eben feindlich den Menschen, unsympathisch dargestellt, hier wird er das nicht. Er hasst die Bedingungen, die die anderen zu Kriechern machen und das drückt er aus. Eine Verbeugung den letzten Grau- und Langhaarigen gegenüber, die sich noch ihren Stolz bewahrt haben, auch einer Gesellschaft gegenüber, wo alles im Rückwärtsgang schon wieder dem Abgrund entgegensteuert und das für Fortschritt hält.

Meisterwerk der Charakterstudie

Leider ist Alceste dann im zweiten Teil in die Falle geraten. Was für ihn gilt, Offenheit, Stolz, sich nicht kaufen zu lassen, darf aber nicht für die Frau gelten, der er verfallen ist. Sie wünscht er sich kriechend, damit sie von ihm endlich Hilfe annimmt, sie wünscht er sich gebrochen, damit er sie aufrichten kann. Sie wünscht er sich ihm ganz zu Diensten und ganz zugehörig. Moliere hat damit ein Meisterwerk der Charakterstudie geschaffen. Durch diese grandios konstruierte Widersprüchlichkeit, durch diese Gebrochenheit, durch den sich selbst in die eigene Falle gegangen Menschen, der Aufmüpfigkeit und Unkonventionalität leben wollte, es aber nie ganz schafft, wird dieser Mensch erst wirklich wahr und damit auch tauglich Jahrhundertelang Wahrheit zu transportieren.

Das struppige Haar mit Pomade geglättet

Die Inszenierung macht die Wandlung Alcestes deutlich dadurch, dass er ab der Pause, die in einer Art Tanzsaal spielt, sparsam nur durch eine Lichtreflexkonstruktion sichtbar gemacht, dasselbe schwarze Kostüm wie die anderen an der Bar lehnenden Banker trägt. Etwas verrutscht zwar und wie aus dem Leihhaus ausgeliehen, das struppige Haar mit fettiger Pomade geglättet, ist er nun Teil des Systems geworden und nur noch sie, die unabhängige Frau, ist übrig geblieben in diesem Spiel. Über sie machen sich nun alle her und bezichtigen sie der Lügenhaftigkeit, dabei lügen doch alle, alle anderen. Folglich ist sie am Ende das einzige Opfer.

Kaufmannsvillen, Wolkenkratzer

Eine mE sehr gute Interpretation des Moliere´schen Stoffes, in dem der Lüge nicht das letzte Wort gehört. Auch wenn Alceste am Ende scheitert, so scheitert er nicht an der Unkonventionalität, die er zu leben sich zum Ziel gesetzt hat, sondern an der Konventionalität, in die er zurückfällt. Diese ist es, die Moliere angreift. Das wird nur selten deutlich. Hier aber ja, scharfzüngig und modern.  Verdienst von Regie, Bühnenbild und Spielkunst, wobei herausragend Franzsika Junge und Wolfgang Müller agieren. Sie als Celimene, heimliche Hauptperson, gibt sich hintergründig, voller Kraft, mit sehr viel  Witz und Ironie.  Auch Wolfgang Müller besticht durch die dialektische Ausgestaltung seiner Figur.  Sehenswert. Passt gut in die Bankenstadt, wo die ehemals stattlichen Kaufmannsvillen nur noch wie braungeschnörkeltes Beiwerk am unteren Saum gläsern-blinkender Wolkenkratzer kleben.

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