Rigoletto in der Vatikanstadt Rezension

Der Fall Rigoletto, Uraufführung 22.10.09, in der Neuköllner Oper / Berlin

Rigoletto heißt Spaßmacherlein, bei Verdis Rigoletto handelt es sich um eine für den Zensor im März 1851 abgeschwächte Variante des nach der Julirevolution (1832) geschriebenen französischen Stückes „le roi sŽamuse“ von Viktor Hugo. Die Neuköllner Oper hat versucht, dem Stück wieder etwas von seiner revolutionären Färbung zurückzugeben, in dem es die Inhalte in einen neuzeitlichen Mafiakrimi von 1983 verwebt.
Im Ursprungsstück von Hugo steht der Niederbedienstete Triboulet bereit, den König zu ermorden, weil dieser seine Tochter Blanche entehrt hat. Als er den Mord schon plant, wird ihm die Bedeutung seiner Tat bewusst: ” Ein Mord auf der Erde!Wie groß bin ich hier! … von seinen Händen kommen Krieg und Frieden ! … Die Rache eines Narren bringt die Erde ins Wanken! ” Das Stück von Hugo wurde nach der Uraufführung verboten, enthielt es doch zuviel politischen Sprengstoff. Die am 27. Juli 1830 beginnende Julirevolution des Bürgertums in Frankreich war niedergeschlagen, Louis Philippe hatte die Stelle des gestürzten Königs angetreten um die Monarchie zu retten. Hugos Stück war eine Provokationen gegen diese Restauration der Monarchie.

Königskritik auf die Frauen umlenken

Das Motiv des Aristokraten, der libidinös in die bürgerliche Welt eindringt, und dabei die Lebenswelt seiner Untertanen ruiniert, ist ein großes Thema der Aufklärung. (Friedrich Schiller in “Kabale und Liebe“ , Verdis Oper “Luisa Miller“ uvm. Es muss aber, da die Zeit für diese Kritik nicht reif war, gebrochen werden. Die berühmte VerdisŽsche Arie „La donna é mobile“ (O, wie so trügerisch…) verschiebt diese Königskritik nun vordergründig auf die Unbeständigkeit und Untreue der Frauen. Den Text der Arie, „La donna eŽmobile …“, wörtlich: „Frauen sind unbeständig wie Federn im Wind, leicht ändern sie ihre Worte und ihre Meinung“, singen die werbenden Entführungsplaner und betenden Vatikan-Mafiosi auch hier, auf Parties „extra muros“ , wenn sie mit alkoholisierten Frauen wie mit einem Spielball umgehen. Sie rechtfertigen damit, was sie den Frauen antun. Da zu ihnen kein Vertrauen zu haben ist, da sie lügenhaft und falsch sind, ist es also ihre Schuld, dass sie entehrt, entführt, benutzt, vergewaltigt, getötet werden, sie verdienen es nicht besser! Es ist also einiges an Anstrengung nötig um aus dem traditionellen Rigoletto ein zeitgenössisches Stück mit kritisch-revolutionärem Anklang zu machen.

Der Vatikankrimi

Der Pabst ist ein heutiger machtvoller König, der in vollster Willkür ohne Skrupel herrscht. Die Vatikanstadt als der kleinste allgemein anerkannte Staat der Welt, der ohne Gewaltenteilung auskommt. 1983 wurde dort ein Mädchen entführt, Tochter eines niederen Angestellten, eine Zeugin sagte später, das Mädchen sei erst missbraucht, dann ermordet worden, der Staat schweigt sich aus, die vatikanische Gerichtsbarkeit, in der Ankläger und Verteidiger in einer Person zusammenlaufen, schlug den Fall nieder. Unklar blieb so gut wie alles, die Ähnlichkeit mit dem Fall Rigoletto verführte die Neuköllner Oper zu einem gewagten Experiment, dass die Kunst vollbringt, einen am Ende mit so vielen Fragen stehen zu lassen, wie einem am Anfang gar nicht in den Sinn gekommen sind. Pädophilie, Kinderpornographie, Kindesmissbrauch tauchen immer wieder in den Medien auch in Zusammenhang mit dem Vatikan und den darin wohnenden geweihten Menschen auf. Auf Partys gingen die Geistlichen nur in Maske, während Geldgeschäfte die Beziehungen der Männer bestimmten. Der Chef der Vatikanbank scheint in den Fall verwickelt, ebenso der Chefankläger, große wichtige Personen, deren mafiöse Verstrickungen in dem Stück nur erzählt, bebildert, gemutmaßt, choreographiert, besungen, gespielt, aber niemals aufgeklärt werden.

Das ist hoffentlich nicht die Wahrheit

„Was ist Wahrheit?“ fragt zu Beginn der Erzähler
„Warum liegt der Mafiaboss auf dem Vatikanfriedhof?“
„Was kann ich tun?“
„Ich kann nicht in die Menschen sehen, so beschreibe ich das Bild, das ich mir von ihnen mache. Das ist hoffentlich nicht die Wahrheit.“
Das Stück lebt folglich von seinen Rätseln mehr als seinem aufklärerischen Gepräge. Die Szenen sprechen in Standbildern, die von einer Musik unterstützt werden, die mit ihrer Mischung aus Volkstümlichkeit (sizilianische Trauergesänge), Jazz und Rigoletto-Melodien, als Blaßorchester mit Flötenbesetzung sehr variantenreich und manchmal witzig-modern inszeniert ist. Das Publikum lacht auf bei dem wunderschön reinen Kolleraturgesang des Mädchens, den sie mit übertriebenen Handbewegungen satirisch unterstreicht. Die Orgien der maskierten Geistlichen sprechen eine interessante Symbolsprache, wenn sie die Frauen brutal hin und her werfen und sie dabei halten, als wenn sie eine Kreuztragung kopieren.

Kein Spaßmacherlein

Der Rigoletto der neuköllner Oper ist kein Narr, nur ein alter Mann, der mit gebeugtem Rücken durch die heiligen Gänge schlurft und der etwas ernst nimmt, was keiner sonst ernst zu nehmen scheint, denn er fleht Gott an, betet, fragt gar bei den Tätern um Hilfe nach, und entsetzt sich, als er mit dem Tod seines Kindes bedroht und zu Straftaten erpresst werden soll. Seine Liebe zur Tochter wird in Folge derart zu Vorwurf und Freiheitsberaubung, dass sich daraus als logische Folge das Fliehen der Tochter aus dieser Umklammerung ergibt, die darum ihren Häschern nur noch schneller in die Arme getrieben wird. Eine Anklage gegen Willkür und Macht im Gewande der Geistlichkeit.

Etta Scollo

Zu den schönsten Momenten der Aufführung gehören die Gesänge der schwarz gekleideten Sizilianerin, Etta Scollo, die wie ein Symbol des Todes nach jeder Szene wie aus dem Nichts auftaucht und dunkle kommentierende Klagegesänge anstimmt. Diese Musik, komponiert und hier auch gesungen von Etta Scollo, einer gebürtigen Sizilianerin, gehört zu den herausragendsten Eindrücken, die man mitnimmt, deren Symbolwert weiter reicht als man zunächst annimmt. Steht sie nicht nur für den Tod und dessen Gesang, so kommt sie auch bei Schmerz hervor, scheint zu trösten, klagt an, aber nimmt auch hin, mit traurigem Gesicht, verschleiert, steht sie für die italienischen Mütter, die jährlich ihre Kinder an die Mafia verlieren, hockt wie eine Ahnung und Mahnung mal hinter der Tür, mal hinter der Wand, steht neben den Tätern und sitzt bei dem Opfer, schaut zu und scheint immer dabei zu sein, bildet mit ihren klagenden Gesängen, die an die Beerdigung des Kindes unter der Brücke bei B.Traven erinnert, einen Kontrapunkt zur ansonsten eher volkstümlich hellen und scheinbar lustigen Blaßmusik, die die Orgien der Täter begleitet. Eine Oper, die durch Eindrücklichkeit ihrer Bilder und Klänge gewinnt, die die Gefühle sparsam einsetzt und Rätsel aufmacht. Fragen kann man sich durch Studium des Programmhefts nachträglich zu beantworten versuchen.

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