Gewehre lugen nicht

20.03.2009 / Feuilleton junge welt/ Seite 12

Lea Fleischmann liest aus ihrem Buch „Meine Sprache wohnt woanders“.  Sie ist vor 30 Jahren nach Israel ausgewandert. Ich schaue das Plakat an und sehe eine freundliche, mir irgendwie bekannt vorkommende Frau. Dunkel erinnere ich mich an ein Buch mit gelbem Balken über einem Foto. In dem Balken der Satz: Dies ist nicht mein Land, mit Ausrufezeichen. Eine Reaktion auf 1977, Deutschland im Herbst, das Ende der Studentenbewegung zwischen Isolation und Verzweiflung, Stammheim, morgendliche WG-Durchsuchungen,  Verfolgungen und Kontrollen an allen Autobahnen, in Schulen, auf dem Arbeitsplatz, jedes Wort ein Wort zu viel, 1977, Deutschland im Herbst, ein Film, der Friedhöfe zeigt. Die erste reaktionäre Entwicklung als Reaktion auf die wirtschaftliche Krise 1974 und die Kulturrevolution 1968. Kommunistenhatz auf ihrem Höhepunkt. Lea Fleischmann, ein Buch, das wir verschlungen haben, ein Satz, der uns aus tiefster Seele sprach: Das war nicht mehr unser Land!

Atmosphäre förmlich und steif

Als Veranstalter der Lesung fungierte die örtliche Volkshochschule zusammen mit der Konrad-Adenauer-Stiftung. Veranstaltungsort: Der Rathaussaal des ehrwürdigen Stralsunder Ratsherrenhauses aus uralten Hansezeiten. Ohne Vorurteile gehe ich zu Fuß über das regennasse Pflaster durch die abendlich ausgestorbene Stadt dort hin.Drinnen ist die Atmosphäre förmlich und steif, die netten Damen aus der VHS begrüßen mich freundlich, viele Männer sind in schwarzen Anzügen gekommen, einige brave Schüler aus dem Leistungskurs des hiesigen Gymnasiums, CDUler, einige Versprengte, die ich von Rosa-Luxemburg-Veranstaltungen her kenne. Gediegene Bürger Stralsunds, Durchschnittsalter 58 bis 75.Vorn sitzt eine kleine grauhaarige Frau, die freundlich guckt und vom Gesicht her, in Gestik und Mimik sehr freundlich erscheint. Ihr Haar liegt einfach und unfrisiert weich um ihren Kopf herum, sie lächelt scheu, mit Wohlwollen blicke ich sie an, neugierig, auf das, was sie erzählen wird.

Vom Schweigen

Der erste Abschnitt handelt von ihrer Geburtsstadt Ulm, die sie nicht kenne, wie sie schreibt, dort sei sie in einem Lager nach dem Krieg geboren worden, bei vor Entsetzen schweigend-gelähmten Eltern, die mit Mühe dem Holocaust entkommen waren. Nie hätte sie den Vornamen ihres Onkels erfahren, nie die der anderen, die zu Rauch in den Öfen wurden. Da war immer nur ein Schweigen, ein Schweigen… Die Worte beeindrucken und machen den Konflikt deutlich, in dem das Kind aufwuchs: Ruhig gestellt in einer zum Schweigen verurteilten Familie, in einem schweigenden Staat. Im nächsten Abschnitt skizziert sie ihre „Protestzeit“ in den Sechzigern. Diesmal belässt sie es nicht beim Beschreiben, sie kommentiert, noch dazu aus einer inzwischen veränderten Sicht. Da hätte es ein Frauenzentrum gegeben, sie hätte sich daraufhin mit ihrem Mann um Haushalt, Wäsche und Kochen  gestritten und statt das Frauenzentrum „Frieden gestiftet“, hätte es Öl ins Feuer gegossen, so dass die harmonischsten Familien zerbrechen mussten und sich nachfolgend Familien haben scheiden lassen und die schon allein waren, kinderlos blieben.

Kinder als Last gesehen?

Selbstbeschuldigung: Sie habe ihre Kinder vernachlässigt, allein gelassen, als Last angesehen. Als sie diese Protestkultur dann nach Israel tragen wollte, hätte das nicht geklappt und sie habe dann die Ruhe des Sabbath kennen gelernt, mit Kerzen am Freitag, mit schönem Kochen und ohne jede Hektik. Sie liest das alles etwas langatmig in gleichförmigem Ton, zäh, langsam und unlebendig, ihre Sprache ist plötzlich wie erstorben, nur wenig literarisch. Ich werde müde, obgleich ich mich ärgere, dass sie die emanzipatorische Wirkung der Frauenbewegung abwertet. Während ich mich noch wundere, wie sie ihre eigenen Vergangenheit niedermachen kann, geht sie zum dritten Teil über, indem sie von ihren beiden erwachsenen Kindern berichtet. Dabei verwendet sie die Begriffe Soldat und Soldatin, das „in“ als ein letztes Relikt aus ihrer Frauenzentrumszeit?

Mit grünem Faden eingenäht

Dabei wird mir nun endgültig klar, warum sie heute bei der Adenauerstiftung liest. Sie beschreibt in allen Einzelheiten und eine ewige Zeit, wie sie ihren Soldatenkindern die grünen Knöpfe annäht, für sie ihr Lieblingsessen kocht und ihnen die Socken stopft. Ein Hoch auf die Hausarbeit für erwachsene Kinder! Kein Problem wird hier auch nur angerissen, erwähnt, angedeutet. Nichts. Harmonie, Ruhe, Hausarbeit, über 30 Minuten lang. Da hat Israel eben einen Krieg angezettelt und sie spricht am Ende dieser Sequenz blumig davon, wie sie „sich mit dem grünen Faden in die israelischen Uniformen eingenäht hat“. Ein daraus folgendes Problem, außer das, der Angst um ihre Kinder, die sie mit dem Bekochen bekämpft, scheint sie nicht zu haben. Der Höhepunkt ist für mich erreicht, als sie beschreibt, wie die Gewehre, die die „Kinder“ jedes Wochenende mitbringen und unter das Bett schmeißen „unter dem Bett hervorlugen“ würden und braune Patronen in der Wohnung herumliegen. Ein Gewehr pflegt im Allgemeinen nicht zu lugen, denn es hat keine Augen, es ist ein Apparat, gemacht um Menschen zu töten und in seine Einzelteile zu zerfetzen. Fassungslos starre ich die Frau an.

Mit Harmoniewunsch in den Krieg

Das Schweigen ihrer Kindheit hat sich scheinbar in ihrem Leben zum Schweigen über so viele Untaten ausgeweitet, der Harmoniewunsch dazu, ihren Kindern im Erwachsenenalter nicht nur alles hinterher zu räumen, sondern auch alles nachzusehen, einschließlich das unkritische Töten auf Befehl, in einem Krieg, der offenbar ihr Krieg geworden ist, was aber hier nicht problematisiert wird, schlimmer scheint das Verbrechen der Frauenzentren der siebziger Jahre, die die Frauen gegen ihre Männer aufhetzten und Familien zerstörten. Ein gutes Beispiel, wie manchmal ehemalige Westlinke konservativ werden, äußerlich sieht man es ihnen weniger an als den Ostlinken, sie laufen nicht geschminkt, in Dauerwelle und Kostüm, sie tragen noch schlicht, natürlich, einfach. Ihre Mienen sind freundlich und warm, nicht verschlossen, hart, zusammengepresst. Sie lieben ihre Kinder und schimpfen nicht über sie, dass sie unordentlich und ungehörig sind. Sie tragen noch Reste der Merkmale der in ihrer Jugend durchlebten Kulturrevolution an sich, aber sind doch innerlich schon gewandelt. Mit keinem Wort erwähnt Lea Fleischmann in ihrer Lesung ihr Buch von 77 auch nur mit dem Titel.

Auf Herz und Nieren geprüft

Ich weiß ja nicht, ob sie das damals mitbekommen haben, sagt sie, als sie über ein zeitgenössisches Geschehen spricht und erklärt damit ihre Zuhörer zu Idioten. Das wirkt selbst auf die höflichen Leute im Saal peinlich. Ein Stocken der Zuhörer ist zu spüren, ein plötzliches Aufschweigen. Da sind die Ossis empfindlich, zu recht, denn der gemeine Wessi schließt von seinem Nichtwissen über den Osten darauf, dass auch der Ossi nichts über den Westen weiß. Da irrt er aber meist. Dessen Unwissenheit beruht meist nicht auf Gegenseitigkeit.  Es ist heute en vogue konservativ zu sein. Die Konterrevolution marschiert, nicht nur im Osten, auch im Westen. Doch Konservativismus, Konfliktvermeidung und Obrigkeitstreue machen noch keine Literatur. Ich beschließe zu gehen. Wie konnte ich nur so dumm sein und denken, dass die Konrad Adenauer Stiftung eine ehemalige Linke in ihre Arme schließt, ohne sie nicht vorher auf Herz und Nieren geprüft zu haben.

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