Weiß wie Schnee – Das RambaZamba Theater in Berlin – ein Porträt

8.12.10 / Feuilleton junge welt

RambazambaWeiß wie Schnee ist die Bühne in einem alten gekachelten Saal in der Berliner Kulturbrauerei. Auf der Bühne sitzen 12 Menschen und zerreißen Papier. Das macht unregelmäßig-regelmäßige Geräusche. Die Menschen tragen schwarz, sie sitzen an einem weiß überzogenen Riesentisch. Mit endloser Geduld zerreißen sie das Papier, als sei dies eine sinnvolle Tätigkeit. Gegeben wird eine Adaption der »Winterreise« von Franz Schubert, es ist eine Wiederaufnahme im Theater RambaZamba.

Passend zur Jahreszeit wird zu den düster-melancholischen Liedern von Schubert improvisiert. In Tagebucheintragungen von Schubert von 1827 heißt es: »Keiner, der den Schmerz des Andern, und keiner, der die Freude des Andern versteht! Man glaubt immer, zueinander zu gehen, und man geht immer nur nebeneinander…« Dazu werden eindrucksvolle Bilder geschaffen. Bilder aus Anstalten, aus dem Leben von Unterdrückten und Entrechteten, und immer wieder das Papierzerreißen, ritsch, ratsch, in unterschiedlicher, doch gleichmäßiger Weise. Das klingt wie Meeresrauschen und ist doch Warten, Öde, Nutzlosigkeit. Dazu leise, streichelnde Perkussion­töne. Dann entwickelt sich ein wilder Aufstand, der eingefroren, mit Tabletten bekämpft, zerprügelt wird, aber in dem auch gefeiert, geliebt, und wunderschön gesungen wird.

Gesichter, die man nicht vergisst

Es sind dies locker verbundene Szenen, in denen die Assoziationen hin und her huschen können. Das mit weißem Papier belegte Bühnenbild wird in jeder Szene überlichtet mit dem Bild oder der Zeichnung eines derjenigen, der gerade spielt. Und so kommt es, daß man die Gesichter von Juliane Goetze, Hans Harald Janke, Nele Winkler und Franziska Kleinert nicht vergißt. Dabei wird die immer wiederholte Phrase: »Wer ist Schubert? Ich bin Schubert! Ich auch, ich auch…« zur Metapher von »Ich bin ein Mensch, ich auch, ich auch…«. Mit einer extra für diese Aufführung engagierten Opernsängerin wurden die Gesänge eingeübt. Wer sagt uns, daß man Töne immer treffen muß, klingen sie gebrochen nicht viel besser?

Besondere Menschen

Das Berliner RambaZamba-Theater ist kein gewöhnliches Theater, denn es arbeitet mit Menschen, die man sonst nicht auf der Bühne sieht. Man sieht sie in der Regel noch nicht mal auf der Straße oder in Cafés, in Schulen oder Universitäten. Und bald wird man sie wahrscheinlich noch weniger sehen, denn sie gehören zu einer von der Pränatalmedizin nicht mehr gewünschten Minderheit: Menschen mit Gen- und anderen Besonderheiten. Man nennt sie »behindert«, aber diese Zuschreibung hassen sie: »Ist mir doch egal, ob ich behindert bin, ich bin ein ganz normaler Mensch!« sagt Nele Winkler, Schauspielerin im RambaZamba-Ensemble. Es ist merkwürdig, daß wir solche Menschen »behindert« nennen, obgleich wir es doch sind, die sie behindern. Wir lassen sie nicht unsere Schulen besuchen, da sie schwer sprechen und lesen können, wir behaupten dann, wer nicht richtig sprechen, lesen und schreiben könne, vermöge auch nicht zu denken. Daraus ergibt sich, daß sie gehorsam sein sollen, daß sie als Erwachsene noch zuhause wohnen sollen und wenig eigene Entscheidungen treffen dürfen. Wir sagen, wir fördern sie, aber wir bestimmen, wohin wir sie fördern. Und wenn ein solcher Mensch geboren wird, reagieren wir mit Angst und Schrecken, anstatt diese besonderen Menschen kennenlernen zu wollen.

Die Welt mit anderen Augen sehen

Die Regisseurin Gisela Höhne war von eben diesem Schrecken gepackt, als sie vor 34 Jahren ihren Sohn Moritz in den Armen hielt und die Ärzte sie bedauernd ansahen. Heute hat sie begriffen, wie falsch sie damals lag. Ein Kind mit Besonderheiten zu haben, öffnet einem den Blick auf andere Besonderheiten, und man sieht die Welt mit anderen Augen. Als ihr Sohn heranwuchs, zeigte er ihr, daß alles anders war, als sie bisher geglaubt hatte. Er zeigte es, indem er pantomimte, er spielte alles nach, was er sah, und sie begriffen bald, dass Schauspieler der einzige Beruf für ihn sein musste. Die Konsequenz war die Gründung des Theaters RambaZamba. Kein Kindertheater, nein, ein normales, großes Theater mit angeschlossener Künstlerwerkstatt. In diesem Theater werden nun seit 1990 nicht nur dem Publikum große Themen präsentiert, Medea, Orpheus, Woyzeck, (sieben Stücke und zwei Revuen, Gastspiele im In- und Ausland, viele Preise), sondern hier drücken die Schauspieler, die inzwischen hauptberuflich dort arbeiten, ihre Botschaft aus: Alles, was sie den Normalos immer schon mal sagen wollten.

Die Welt der wilden Emotionen

Und siehe da, in solcher Freiheit entwickeln sie sich auch persönlich weiter, sie beginnen zu lesen und zu sprechen, ja, sie lernen zu »übersetzen«, damit wir sie besser verstehen, sie übersetzen von ihrer Sprache in unsere Sprache, von der Welt der Gesten, der Mimik, der Geräusche, der wilden Emotionen und überschwenglichen Zärtlichkeiten, in die Welt der »Sprechmenschen«, die ohne Regung und Bewegung dasitzen auf ihren Bänken und ihnen in steifer Haltung zuschauen: Immer verlangen sie Beherrschung, Stille, Konzentration, Perfektion… kein Platz für die, die anders sind.

Die Stoffe werden gemeinsam entwickelt

Die Stoffe werden, nach Aussage von Gisela Höhne, die das Theater leitet, ausnahmslos mit den Mitgliedern des Ensembles zusammen besprochen, verworfen, gekürzt und entwickelt. Jeder hat das gleiche Mitspracherecht. Die Regisseure haben nur die Freiheit zu bieten, die Schauspieler so spielen zu lassen, wie sie sich ihre Welt am allerliebsten wünschten.

Gedächtnis funktioniert, wenn man für sich selber tätig ist

Seit September 2010 hat es allein drei Premieren und ein aufsehenerregendes Antikriegsfestival (Der Frieden – Ein Fest) im Theater RambaZamba gegeben. Die Schauspieler beherrschen alle Rollen, einschließlich der Repertoirestücke fehlerlos. Sie arbeiten mit Leidenschaft und großer Disziplin, ihr Gedächtnis funktioniert prächtig, wenn sie für sich selbst tätig sind, ihre Spielkunst ist großartig. Immer wieder hört Frau Höhne, daß man ihren Schauspielern ihre Rollen glaubt. »Kunststück«, meint sie, »sie spielen, weil sie uns wirklich etwas sagen wollen«. Sie halten uns einen Spiegel vor und diesmal erschrecken wir nicht vor ihnen, sondern vor uns selbst.

Eindringlich wie ein zeitgenössisches Gedicht

»Winterreise« ist ein äußerst sinnliches Erlebnis. Die Schauspieler küssen sich, sie gehen einander aus dem Weg, sie spielen die Kälte, die Wärme, die maßlose Wut. Kein Gefühl, dem sie nicht körperlich-spielerischen Ausdruck verleihen können. Alle Spieler beherrschen wie nebenbei auch das Percussionspiel, das von Klavier, Baß und Bratsche wundervoll begleitet wird. Die Texte der Schubertschen Lieder wirken, auf die Papierschneeberge projiziert, aus den Mündern der Schauspieler gesungen und gesprochen, eindringlich, wie ein modernes, zeitgenössisches Gedicht.

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