WUT von Elfriede Jelinek in den Münchner Kammerspielen

26.4.16 in: junge welt / Feuilleton

In einer originellen, verspielten Aufführung läuft mit »Wut« von Elfriede Jelinek in den Münchner Kammerspielen eine zeitkritische Inszenierung ganz besonderer Art. Regisseur Nicolas Stemann macht aus dem Stück ein vielschichtiges Gemälde von erschreckender Aktualität.

Dabei ist der Text schwer und sperrig: Zersplittert, atomisiert, fragmentiert, von einer zur nächsten Assoziation springend, wälzt sich ein Jelinek-Monolog über die Bühne. Zu Anfang von einem Chor eingeleitet, verzweigen sich die Assoziationen schließlich zu einem vielstimmigen Szenenklang, in dem Wut gezeigt, diskutiert und gespielt wird.

Wo andere Regisseure nur starre Spieler zeigen, die monoton ins Publikum deklamieren, findet Stemann eine Fülle von Bildern, Farben, Formen, Figuren, die wie aus Filmsequenzen, Selfies, Youtube- und Facebook-Klicks zusammengesetzt wirken und dreidimensional wild über die Bühne toben. Es ist ein Gewitter neuzeitlichen Medien­wahns, eine clowneske Wut auf die Entfremdung und auf all das, was im Namen des technisch Machbaren mit Menschen passiert.

Benachteiligung schreit

Szenen schälen sich wie aus einem Kaleidoskop, aus wirren, flirrenden Bildern heraus und verschwinden dann wieder. Einmal tritt ein Klischee-Hartz-IV-Pärchen vor einer Glotze auf, man denkt sich ein Wohnzimmer dazu. Sie sind wütend, weil sie sich ausgegrenzt und hereingelegt fühlen. Benachteiligung schreit, Benachteiligung tobt, Benachteiligung vergisst nicht! Prekarisierte, Migranten, frustrierte Jugendliche ohne Zukunft im Konsumwahn – es denkt sich jeder den anderen als Feind: alle gegen alle.

Mädchen aus Modellkatalogen

Einmal werden da plötzlich Mädchen, die wie aus Modellkatalogen entsprungen scheinen, Burkas übergeworfen, nun sehen sie aus wie große schwarze Vögel, anklagend stehen sie da, etwas erhöht, von hinten erleuchtet wie hochaufragende Türme im Bühnenhintergrund, auch aus ihnen schreit etwas, stumm ist dieser Schrei und gewaltig. Sie sind es, deren Leben nun wieder viele Jahrhunderte zurück in voraufklärerische Zeiten gepresst wird.

Am Ende geht es um das Massaker, das 1961 in Paris von Staats wegen an algerischen Demonstranten verübt worden war, Hunderten wurde mit Gewehrkolben der Schädel eingeschlagen, oder sie wurden lebend in Säcke gesteckt und in die Seine geworfen. Diesen Exkurs hat der Regisseur dem Stück hinzugefügt, er endet mit den Worten: »Ob und in welcher Weise die Familien der algerischstämmigen Attentäter auf Charlie Hebdo von diesem Massaker betroffen waren, ist nicht bekannt.«

Scharfkantige Klassengesellschaft

Unendlich viele Menschen treten aus dieser Flut von Bildern hervor, verschwinden wieder, sammeln und ordnen sich neu. Es ist eine scharfkantige Klassengesellschaft mit vielen Kratern und Abgründen, in der die Klassen sich noch nicht gefunden haben, noch nicht wissen, mit wem sie sich verbünden und verbinden sollen. Es passiert viel, während die nachdenklichen, auch selbstreflexiven Monologe Jelineks weiter und weiter das Zeitgeschehen kommentieren.

Work in progress

Mehrmals mischt sich der Regisseur selbst ein, er fungiert als eine Art Geburtshelfer des Jelinek-Stücks. »Jetzt sind’s noch 170 Seiten«, sagt er beschwichtigend. »Sie können auch rausgehen, nach den ersten zwei Stunden werden die Türen geöffnet, aber wir konnten es beim besten Willen nicht noch mehr kürzen!« Das Stück geht vier Stunden. Später setzt er sich auch mit zwei Musikern auf ein Sofa und spielt Gitarre, eine kleine Erholungspause. Nicolas Stemann zeigt, dass er nebenbei auch ein guter Chansonsänger ist. Die Einmischungen des Regisseurs wirken originell, nie aufdringlich und eitel, sie unterstützen den Eindruck des Unfertigen, des Probierens von möglichen Lösungen, wie auch die Politiker vielleicht langsam damit anfangen sollten, nicht Lösungen zu präsentieren, sondern nach ihnen zu suchen.

Bilder des Mahnens und Wunderns

Auch Schauspieler kommentieren mitten im Spiel das Stück, sie wundern sich, dass sie nicht wissen, welche Figuren sie da eigentlich spielen, auch amüsieren sie sich über ihren Regisseur. Work in progress nennt es Stemann, sie änderten jedesmal noch etwas, sagt er, und immer spricht er in der Mehrzahl, sehr sympathisch. Falls es also jemandem nicht so gefalle, dann könne er eben ein andermal wiederkommen, um dann eine neue Fassung zu erleben. Es bleiben Monologe des Warnens, Mahnens und Wunderns, die von Stemann und seiner Crew in moderne, dramatische Traumbilder überführt werden.

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