Die Dreigroschenoper im Mecklenburgischen Staatstheater in Schwerin sehr im Sinne Brechts inszeniert – Rezension
Man weiß es, aber nur selten findet es eine extra Erwähnung im Titel, dass an diesem Stück im wesentlichen Elisabeth Hauptmann mitgeschrieben hat. Nicht nur das, es gab auch ein Originalstück und das war von ganz jemand anderem, nämlich von John Gay, nämlich: Beggar’s Opera aus dem Jahre 1728, eine im Bettlermilieu spielende Satire, die bei ihrer Erstaufführung 1728 in London Stadtgespräch war und seit 1920 erneut in London und anderen englischen Städten erfolgreich wiederaufgeführt wurde, mit fast 1500 Aufführungen hatten die grade alle Rekorde gebrochen. Schnell übersetzte Elisabeth Hauptmann und Brecht und Weill bearbeiteten sie dann. Brecht ist einer, der gern kollektiv arbeitet. Warum nicht? Aber dann bitte auch mit Nennung der kollektiven Urheberschaft. Das Mecklenburgische Staatstheater Schwerin hat jetzt sowohl Elisabeth Hauptmann, gleich im Titel mitgenannt, als auch wurde das Stück inhaltlich und durch Kostümierung, ein wenig auf das englische Vorbildstück zurückgeführt. So hat man die Dreigroschenoper noch nie gesehen, in Kostümen, die gemischt waren aus den 20er Jahren des 20. und des 18. Jahrhunderts. Das wirkte originell und ein wenig clownesk, aber sehr gut zum Stück passend.
Im Theater-Zelt im Schweriner Schlossgarten, in brütendster Hitze am 19. Juni, war am Premierentag der Dreigroschenoper, in der Regie des Patrick Wengenroth ein Orchester mit vielen Bläsern aufgefahren, was die Weill´sche Musik zu einem großen Klangerlebnis machte. Sehr gelungen war die Besetzung der Polly, ( Jennifer Sabel), sie kam einerseits puppenhaft naiv, ein wenig steif und ungelenk daher, schaffte aber andererseits eine interessante Widersprüchlichkeit zwischen ihrer Anbetung des Mackie und einer gleichzeitigen Schnoddrigkeit und Kälte zu geben. So gelang es ihr, den im Brechttheater geforderten V-Effekt wirklich hervorzurufen und eine gute Distanz zu ihrer Figur aufzubauen, das war sehr gekonnt. Die Besetzung des Meckie Messer (Rudi Klein), die Figur wurde abwechselnd lustig wie Mozart und schmierig wie ein Rocker angelegt, insgesamt etwas zu weich, oder zu jung, sein Gesang war allerdings sehr gut. Sebastian Reck und Antje Trautmann gaben Herrn und Frau Peacham mit sehr viel Kraft und Präsenz, das war von beiden höchste Schauspiel- und Gesangskunst, sie trugen das ganze Stück. Das Orchester war ebenfalls spitzenmäßig und die übrigen Frauenrollen wurden charakterstark, schön und sehr originell, vor allem so gespielt, dass jede als eine eigenständige Persönlichkeit deutlich herauskam. Herausragend die Idee, dem Moritatensänger (Jochen Fahr) etwas Besonderes zu verleihen, indem er nicht nur die Brechttexte des Stückes, sondern gleich noch alle Regieanweisungen der nächsten Szene gleich mit vortrug. Dies wirkte durch seine oft todernste Miene köstlich komisch. In den Nebenrollen glänzte der „neue Bettler“, Filch, ( Christoph Götz) später auch Constapler, der sehr genau sämtliche Gefühle eines verlorenen und verlassenen Menschen, auf seinem Gesicht, in Mimik und Gestik, perfekt widerspiegeln konnte. Tiger Brown war mir etwas zu brav angelegt, Lucy aber wieder sehr überzeugend. Joanna Damberg als Spelunkenjenny überzeugte durch eine wunderschön glockenhelle Stimme und eine sehr gut gespielte verhaltene Tragik. Etwas redundant kam es rüber, dass nach jeder zweiten Szene der riesige Vorhang, vorher umständlich hochgezogen, plötzlich in einem Akt der Kraftmeierei in Fetzen herabgerissen wurde. Das blieb m.E. ohne Inhaltsbezug. Sehr beeindruckend war auch der Gesang der Polly, der nie ins Sentimentale abkippte, unfassbar, wie sie das hinbekommen hat, denn was selbst bei Lotte Lenya u.a. in historischen Filmen so hell und rührselig klingt, das hat sie, mit derselben Stimme, demselben Text und derselben Melodie doch selten unsentimental, klar und mit genau der richtigen Prise von Distanz bravorös hinbekommen!
Im Ganzen wurde das Stück mit klarem Gesellschaftsbezug gegeben, die diesbezüglichen Texten in der Dreigroschenoper („Die im Dunklen sieht man nicht“… und: „Was ist der Raub einer Bank gegen den Besitz einer Bank?!“) wurden mit großer Wärme, Ernsthaftigkeit und Leidenschaft vorgetragen. Mit glaubwürdiger Kritik auch der heutigen ungerechten Verteilung. Im Programmheft heisst es, dass die „Brutalität der Mächtigen“ immer danach strebt, ihr „System der Ungerechtigkeit“ zu erhalten, auch wenn es „erbarmungslos alle verschlingt!“ Die Songs sind es zehnmal wert, sich dieses Stück in Schwerin anzuschauen, super gespielt, super gesungen, lohnenswert, sich diese Musik, die nun selbst schon wieder 100 jahre alt ist und immer wieder neu aktuell, immer wieder anzuhören. Ich habe sie als kleines Kind immerzu angehört, da meine Eltern ein Studententheater betrieben, wo Brecht, Borchert und Villion mit einer Prise Peter Rümkorf gemischt wurden. Brecht/Weill-Songs, gesungen von Ernst Busch, gehörten zu meinen ersten Kindheitsliedern, ich kann sie fast alle auswendig.
Was noch dazu zu sagen wäre:
Brecht benutzte für „seine“ Bettler- Oper, in der die ungeheure Kälte des Menschen, wie sie sich im Wirtschaftssystem zeigt, am Pranger steht, u.a. etliche Balladen von Francois Villion, dann von Richard Kipling, die Ballade: Svrew-guns, die Brecht zum Kanonen-Song anregte. Karl Kraus steuerte die 2. Strophe des Eifersuchtslieds bei, dazu dichtete Brecht, und Weill vertonte. Und noch in der letzten Nacht vor der Premiere, wurde der Auftakt, der Meckie Messer-Song ergänzt, der zum größten Renner des ganzen Stückes wurde, nur weil der Hauptdarsteller seine Figur zu wenig in das Stück eingeführt fand. Also man muss sagen, mit der Kollektivarbeit, das hat Bert Brecht ernst genommen. Die Dreigroschenoper wurde seinerzeit der größte Publikums-Erfolg der Weimarer Republik. Die Straßen hallten wieder von den Liedern aus dieser Oper, sie wurden überall gesungen. Leider hat auch das den Faschismus nicht verhindert. Auch in Schwerin tagten am Tag der Premiere der Dreigroschenoper die Enkel der NS-Großväter, die für ihre Taten nie ernsthaft zur Verantwortung gezogen wurden, ich begegnete ihnen zufällig, da ich im Schlosscafe zur Toilette gehen wollte. Weiß livrierte Kellner traten mir in den Weg, geschlossene Veranstaltung. Fast nur Männer: Der Landes-Parteitag einer Partei, die man schon vor mindestens 10 Jahren hätte verbieten müssen und die sich nun erneut wieder aufmacht, sich demokratisch wählen zu lassen, um erneut eine Diktatur zu errichten.
Die Dreigroschenoper im Schweriner Theaterzelt, am 12.7.26 zum letzten Mal!