Schicht C – Eine Schneekatastrophe im Kernkraftwerk Rezension

in jw, 5.11.08, von Anja Röhl

Schicht CAuf der länglichen Bühne im Gustav-Adolf-Saal in Stralsund befinden sich riesige Eisquadern aus Steropur vor einer Art Kommandozentrale aus Spiegelglas. Drei Männer und eine Frau, auf den ersten Blick ununterscheidbar, in anonymes schwarz gekleidet, stellen sich vor. Regisseur Tobias Rausch hat das von ihm geschriebene Stück »Schicht C« vom Berliner Produktionskollektiv lunatiks produktion ins Theater Vorpommern mitgebracht. Ansonsten promoviert er an der Humboldt Uni Berlin. »Schicht C« rekonstuiert Greifswalder Stadtgeschichte. Im besonders harten Winter 1978/79 war es der Belegschaft des Greifswalder Atomkraftwerkes für 56 Stunden nicht möglich, ihren Arbeitsplatz zu verlassen. Aufgrund verschneiter und gefrorener Straßen konnte die »Schicht C« nicht abgelöst werden. Und weil bereits andere Kraftwerke vor den Schneemassen kapituliert hatten, konnte das Greifswalder AKW auch nicht heruntergefahren werden. Undurchdringliche Schneemauern türmten sich vor seinen Mauern auf. Der Versuch, die Bahnlinie zum Kraftwerk freizuhalten, scheiterte. Drei Diesellocks blieben stecken und eine entgleiste.

Alltagsgesellschaft aus den Fugen

Studierende aus Greifswald hatten sich mit den siebziger Jahren in ihrer Stadt beschäftigt und waren dabei auf Zeitzugen gestoßen, die ihnen eindringlich von ihren dramatischen Stunden im AKW erzählten. Rausch formte daraus ein Stück, dessen Szenario an die »Stadt der Blinden«, die gerade im Kino besichtigen sind, erinnert. Die Alltagsgesellschaft droht aus den Fugen zu geraten, wenn nicht gar zusammenzubrechen. Im Unterschied zu anderen zivilisationskritischen Stoffen, die doch meist sehr unheimlich daherkommen, kann man hier lauthals darüber lachen. Sehr unaufdringlich wird deutlich gemacht, wie endlich des Menschen Kraft in unserer fragilen Hochtechnologie ist, Anspielungen auf schon geführte und noch zu führende »Kriege um Öl« fehlen nicht, ein tropfender Kaffeefilter wird zum Sinnbild glühender Brennstäbe, die 24 000 Jahre weiterstrahlen und die man nur 700 Meter unter der Erde im Salzstock für sicher untergebracht hält. »Der Mensch ist ja frei nur durch Kohle und Strom! »Was damals der Sklave ist heute der Strom«. »Ich war da 48 Stunden wach und ritt voll auf Adrenalin«.

Wenn einmal mehr passiert als eine Schneekatastrophe

Die Kernspaltung mit anschließender Kettenreaktion wird eindrucksvoll ins Bild gesetzt, mit einem Tanz zweier Männer um eine Frau. Genial, wie die »Wind« und »Eisschnee« als Standbilder miteinander wetteifern. Am Ende schwimmen zwei Menschen in der zum Aquarium umgewidmeten Kommandozentrale des KKW stumm herum und geben walartige Töne von sich. Eine sehr schöne Szene, die einen Ausblick auf unsere fernste Zukunft geben könnte, wenn einmal mehr passiert als eine Schneekatastrophe.

Nächste Vorstellung: 11.11.,12.11. (Greifswald), 13.11. (Greifswald)

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