Die Kiebitzsteiner – Ein Kabarettbesuch in Halle
Zu meiner Schande muss ich gestehen, dass ich bis vor kurzem nicht einmal wusste, ob Halle ein eigenes Kabarett besitzt, und freute mich darum umso mehr, als ich von den im Internet von den Kiebitzsteiner las. Im Kabarett „Kiebitzsteiner“ das Programm „Im Freibad“ versprach die unterschiedlichsten menschlichen Begegnungen zu Wasser und zu Lande.
Als wir allerdings da waren, war uns weniger nach Freibad, sondern nach warmer Bude, da wir durchgefroren waren, von einem langen Weg von fünf Kilometern, den wir zurücklegen mussten, weil wir mit einem Rolli-Fahrer unterwegs waren, der bei der Tram leider bei der entsprechenden Haltestelle nicht aussteigen durfte, sondern bis zur Endhaltestelle mitfahren musste, da es vorher keinen geeigneten Ausstieg gegeben hat und dort eine Rampe nicht bekannt war. Nun mussten wir also von dort wieder zurücklaufen und rollern, über zahllose nicht abgeschrägte Bordsteinkanten. Der Weg als Rolli – Fahrer in dieses „Freibad“, war also etwas beschwerlich, der Aufenthalt dort bot dafür reichlich Unterhaltung, von komödiantisch bis gesellschaftskritisch. So ging es nicht nur um die Befindlichkeiten der Gattung Mensch, sondern auch um die Probleme die verschiedene Insekten, Mücken und Wespen mit uns Menschen haben. Die Mücken beklagten sich z.B. darüber, was sie mit unserem Blut alles zu schlucken hätten, von Quecksilber bis Plastikteilchen, ein ungewöhnlicher satirischer Seitenhieb auf die Umweltverschmutzung, die also über uns sogar den Mücken schadet. Die Szene mit den zwei Wespen hatte mehrere Ebenen, zunächst die direkte, es handelte sich um eine dominante Wespe, die Donald Trump verdächtig ähnlich war, und eine Wespe, die dadurch sehr albern wirkte, dass sie alles nachplapperte, was ihr großes angehimmeltes Vorbild so alles an Angeberischem und Überheblichem von sich gab. Dabei waren ihre Augen halb durch ein Käppi verdeckt, was den Vorteil hatte, dass sie ihr Vorbild gar nicht richtig ansehen brauchte, sie konnte blindlings folgen. Diese Szene war köstlich witzig, der ganze Saal tobte. Zweifelsohne, weil hier die satirische und die politische Ebene 1A zusammentrafen, ohne dass es aufdringlich war oder in Agitprop ausartete.

Später in einem Gespräch erzählten die Schauspieler ausführlich von ihrer langen Tradition, das Kabarett gibt es in Halle schon seit 1967, was uns sehr zum Staunen brachte! Und dass ihre Arbeitsweise immer so war, nämlich schon durch 20 Jahre DDR -Zeit hindurch, dass sie die politischen Erkenntnisse satirisch so gut verpackt, geschickt, immer so etwas „versteckt“ gegeben hätten, was sie als ihre besondere literarische und künstlerische Herausforderung angesehen haben und das Publikum dies immer sehr zu schätzen wusste, dann auch weiterhin, in den so genannten „Westzeiten“. Diese eher poetische Art des Kabaretts hätten Sie also nach der Wende beibehalten, beziehungsweise inzwischen weiterentwickelt und zu einem gewissen Markenzeichen gemacht. Sie seien ein kleines Privattheater ohne Subventionen, die jeweils eng mit den Autoren zusammenarbeiten, und ihr Spiel auf der Bühne in einem gemeinsamen Arbeits- und Entdeckungsprozess mit dem gesamten Spielteam erst entwickeln.
Sehr witzig war auch, dass durch das ganze Stück ein Runninggag führte, nämlich der, dass man einfach nie einen Handwerker kriegt, und wenn, dann nur zu bestimmten Bedingungen, die immer absurder wurden, sowie zu astronomischen Preisen. Konkret war es so, dass die Protagonistin, wie spielte sich angeblich selbst, als Leiterin des Theaters, dringend für dessen Renovierung Handwerker brauchte, diese Dringlichkeit ließ sie jede Bedingung annehmen, aber die Bedingungen wurden immer unerfüllbarer und darin bestand der Witz, der durch das ganze Stück führte. Das Lachen im Saal bewies, dass mindestens jeder zweite ähnliche Erfahrung mit den immer seltener werdenden Handwerkern gemacht hat. Kunststück, alle wollen ja heute nur noch im IT Bereich arbeiten oder im KI Bereich, aber wer macht dann die echte Arbeit, die man mit zwei Händen tun muss? Das bleibt offen. Dies eröffnet nun der Generation 75+ einen interessanten Markt, da sie früher noch ein Handwerk gelernt haben, nun besteht ganz wunderbar die Chance, die Preise und Bedingungen ins Absurde zu steigern. Am Ende hatten sie dann zwar einen Termin mit einem Handwerker, dafür gehörte Ihnen aber das Theater nicht mehr. Noch eine Szene ist besonders erwähnenswert, weil sie ein bisschen philosophisch war, sie beschäftigte sich mit dem Phänomen des Loches. In Anleihe an Kurt Tucholsky, machte sich dort ein Mensch Gedanken über den Inhalt eines Loches, im Verhältnis zum Nicht-Loch, das war hoch philosophisch und eine Verneigung vor dem großen Satiriker, den heute kaum noch jemand auf die Bühne bringt.
Das Ensemble hat jeden Witz, jede Anspielung, jede Gestik und Mimik hochprofessionell gegeben, es war eine wirkliche Freude, die politischen Anspielungen waren feinfühlig und treffsicher gesetzt, ohne sich aufzudrängen. Ganz besonders herausragend waren diese drei: Stefanie Hottinger, Micha Kost und Malte Georgi. Tolles Kabarett, sehr zu empfehlen!!!