Sommersaison 2026 im Rostocker Volkstheater – zwei Musicals

Die Sommersaison in Rostock spielt sich seit Jahren in der ehemaligen Neptunwerft ab. Um 1910 war die Neptunwerft mit rund 1.500 Beschäftigten der größte Industriebetrieb Mecklenburgs. Die Halle 207, die 1911 als Schiffsschlosserei errichtet wurde, ist eine großartige Kulisse für Glitzer und Glimmer, Musik und Spiel an hellen und lauen Sommerabenden. An diesem Ort ist die Geschichte der Werft spürbar geblieben und gleichzeitig kann hier künstlerische Vielfalt aufblühen. „Genietete Stahlstützen, historische Hebetechnik und patiniertes Mauerwerk schaffen eine Atmosphäre“, die die schwere Arbeit, die hier einst geleistet wurde, noch immer sichtbar macht. Ich sah hier im Sommer zwei amerikanisch betitelte Musicals, einmal „The adams family“, die Dramatisierung eines morbiden Comics aus den 1930er Jahren, in dem alle böse sind und am Ende doch die Liebe siegt, und „The time is now“, eine Art Ost-Variante der Linie eins, in der ein 18-jähriges Mädchen aus Bad Sülze in die große Stadt Berlin reist, von ihrem Freund mit Hinweis, er hätte „jemanden anderen kennengelernt“ aus der Wohnung gewiesen wird und nachher in einer WG Abenteuer erlebt.

The addams family

Beim ersten handelt es sich um ein Musical in zwei Akten*, in der eine unkonventionelle Familie, erfunden von Charles Addams, (ein amerikanischer Kartoonist, der einst seine Biofamilie in einem Comic karikierte) im Mittelpunlkt steht. Die zwei Kinder, der etwa zwölfjährige Sohn und seine vielleicht 17-jährige Schwester Wednesday leben mit ihrer Familie mitten im Central Park in New York. Aber nicht in einem normalen Haus, sondern in irgend etwas Unterirdisch-morbidem, wo Gift gemischt wird, geschimpft und gehasst, und gequält wird. Dort läuft alles der Spießbürgermoral entgegengesetzt. Themen wie Tod, Schmerz, Dunkelheit, sind jedenfalls positiv konotiert.

Der kleine Bruder wundert sich also sehr, das ihn eines Tages die große Schwester nicht mehr mit Elektroschocks quält. Diese hat sich verliebt, was dem morbiden Charakter der Familie, die immer hassen muss, eigentlich widerspricht und noch dazu in Lucas, einen attraktiven jungen Mann aus bester Familie. Plötzlich ist der bitterbösen Schwester Wednesday das Leben ihrer Familie peinlich. Aber, wie es so kommt, die Eltern des Gutbürgerlichen sind auch nicht ohne Geheimnisse und das Schicksal nimmt seinen Lauf. Der Stoff scheint derart berühmt zu sein, das das Publikum bereits den gesamten Inhalt kannte. Die wilde Musik, die schwarzen Kostüme, die an die Gotics erinnerten, das Kontertkarieren jeglicher Form von Sitte und Anstand, geben dem Stoff seinen Pepp. Charles Addams, ein berühmter Comiczeichner der 1930er Jahre, hat in seinen Figuren (the Addams Family), offenbar seine eigene Kindheit verarbeitet, er soll schon als Schüler in der Schule diese Comicfiguren gemalt und geschaffen haben. Die Comics haben mehrere TV-Serien inspiriert nd sind noch heute berühmt und lebendig, obgleich sich alles um Tod, Schmerz und Bosheit dreht. Von dort aus trotzdem auf Werte wie Liebe, Vertrauen und Zuneigung zu kommen, ist die Kunst des Stückes. Der Komponist Andrew Lippa und seine beiden Tony-prämierten Autoren Marshall Brickman und Rick Elice haben daraus nun eine rabenschwarze Comedy für die Bühne geschaffen, die zu standing ovations führte und auch nach dem Volkstheatersommer noch im Großen Haus zu sehen ist. Ganz großartig und sehr frei und frech, die Hauptdarstellerin Wednesday ( Kirsten Scott) sowie ihre Mutter (Martha Luise Urbanik), aber auch die Tanzcompagnie des Theaters, alle haben mitreißend und wild gespielt, und das Publikum mitgenommen. Eine Sonderrolle hat ein Onkel Fester gespielt, (hier gegeben vom Urgestein Frank Buchwald, großartig in Mimik und Gestik, wie der Teufel persönlich) sein Spiel war sehr skuril, oft unerklärlich, etwas surrealistisch und sehr eigenwillig. Handelt es sich um eine heinmliche Vorbildfigur des Autors? Für Menschen wie mich, die ich noch nie etwas von der „Addams family“ gehört hatte, da ich kein TV schaue, war dieses Musical eine interessante, meinen Musik- und Sehgeschmack bereichernde Erfahrung. * The addams family: Buch von Marshall Brickman und Rick Elice / Musik und Songtexte von Andrew Lippa / Basierend auf den Figuren erfunden von Charles Addams / Deutsch von Anja Hauptmann

The time is now

Beim zweiten Musical handelt es sich um Teil einer Serie, die seit einigen Jahren im Sommertheater Rostock von der dortigen Dramaturgie ausgedacht, entwickelt und mit Musik-, Spiel- und Tanzensembles auf die Bühne gebracht wird. In den einzelnen Stücken wird jeweils einem vergangenen Jahrzehnt musikalisch und szenisch nachgespürt. Es liefen schon die 80er, und die 90er Jahre. Nun die Nuller. Das Ganze wird mit Schlagern aus dem Jahrzehnt unterfüttert. Diesmal geht es um das 2000er Jahrzehnt*. Nach dem Aufbruch in den 90ern, die die Eltern des Mädchens Johanna, Gabriele und Andreas (super gespielt von Katrin Heller und Bernd Färber), einstmals mitgemacht haben, der dann aber irgendwo steckenblieb und rückwärts lief, will die Tochter vorwärts laufen, raus aus Bad Sülze, rein nach Berlin, in die Weltmetropole.

Ich kannte keinen von den Schlagern, die das Ganze begleiteten, weil ich mehr auf Liedermacher stehe, aber das Publikum sprang auf und konnte teilweise mitsingen. Die Eltern, das Mädchen, der ungetreue Freund, die WG-Mitglieder spielten alle köstlich echt und überzeugend, sie waren wunderbar typisch gestaltet, auch die Geschichte war nett. Sie zeigte eine Generation to go, die immer auf dem Sprung ist, sich entwickeln will. An ein Vorwärtskommen glaubt. Sie zeigt Toleranz gegenüber verschiedenen Lebensformen, auch andersgeschlechtliche Liebe wurde damals etwas Normales. Liebevoll wurden auch die Eltern beschrieben, sie ließen sich mitziehen, besuchten ihre Tochter und erlebten selbst auch nochmal einen kleinen Aufbruch in die Welt ihrer verborgenen Sehnsüchte.

Fasziniert hat mich das Punkymädchen Sandra, gespielt durch Malin Steitz. Diese hat sie derart fassettenreich gespielt, es war absolut herausragend! Allein ihre Körperpräsenz, aber auch ihre Gestik, Mimik, Sprache, alles stimmte, als wäre sie selbst nie etwas anderes gewesen, als dieses kleine Punkymädchen, einsam, und doch Trost spendend, aufreizend und doch auch schüchtern, mutig, wild, spielerisch und doch auch moralisch. Ich musste über längere Passagen immer wieder nur ihr zuschauen, wunderbare, faszinierende Bühnenpräsenz! Malin Steitz hat gespielt, als ginge es um ihr Leben, und doch leicht, gleichsam schwebend, sprang sie von Szene zu Szene, kreuz und quer über die Bühne. Aber auch Katharina Otte als Johanna war sehr gut. Die perfekte Gegenfigur, neu in Berlin, scheu, etwas traurig, aber langsam freier werdend, glücklicher, aber auch nachdenklich. Auch sie gab ihrer Figur viel Wahrhaftiges, es hat Spaß gemacht und war toll anzuschauen! Musik und Tanz war wild und laut und hat auf jeden Fall viele angeregt zum Mitsingen. Ein gelungener Abend in der alten Werfthalle, wo man in der Pause mal eben an den mit rotglühender Sonne übergossenen Rostocker Hafen schlendern konnte. * The time is now, Dramaturgie: Arne Bloch, Musikalische Leitung: Cindy Weinhold, Inszenierung: Catharina Fillers, Choreografie: Keith Chin plus Tanzcompagnie, Bühne: Olaf, Kostüme: Andrea Eisensee, Video: Marc Willenberg.

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