Schwestern im Geiste – Rezension

jw-feuilleton/25.3.14

Im Monat des Internationalen Frauentages wird in der Neuköllner Oper eine subtile Frauenemanzipationsgeschichte auf die Bühne gebracht. »Schwestern im Geiste« von Thomas Zaufke und Peter Lund. Das jährliche Kooperationsprojekt mit der Musical-Klasse der Berliner Hochschule der Künste, ist preisverdächtig.

Eine Deutschlehrerin, wunderbar gespielt von Teresa Scherha, will ihren Neuköllner Schülerinnen die Literatur der drei Schwestern Brontë aus dem 19. Jahrhundert nahe bringen, es ist ihr Abiturthema. Sie findet viele Parallelen zur Gegenwart, die von ihren Schülerinnen aber nicht gesehen werden.

Klugheit wird bei Männern leider selten nur geschätzt

Zur Schulszene, die sich rechts unten am Bühnenrand abspielt, treten die drei Schwestern Emily, Charlotte und Anne von links hinten auf die Bühne und singen ein Lied: »Sie sind dumm: »Du hast Geist, doch wozu, (die Welt liebt schöne Frauen), sie sind dumm, sie sind frech, sie sind roh, wir sind zu schlau … Klugheit wird bei Männern leider selten nur geschätzt.«

The water is wide, Musik von Zaufke

So einfach sich diese Texte anhören mögen, vertont wirken sie sehr gut. Die Musik stammt von Thomas Zaufke, außerdem wird das alte englische Volkslied »The water is wide« motivisch eingesetzt – als Symbol für den frühen Tod von Branwell, dem einzigen Bruder der Schwestern.

Rennen gegen die patriarchalen Traditionen

Gemeinsam rennen sie gegen die patriarchalen Traditionen an. Das Leben der Schwestern, drei hochgebildete Frauen, wird Lied für Lied in Ausschnitten nachvollziehbar gemacht. Sie und ihr Bruder sind sehr talentiert und verfassen im Grundschulalter literarische Texte. Sie schreiben besser als der Bruder, doch nur er veröffentlicht unter seinem richtigen Namen. Seine Schwestern müssen sich hinter einem männlichem Pseudonym verstecken. Dieser Situation fühlt er sich nicht gewachsen.

Auch das Hölzerne

Die drei Musical-Studentinnen Keren Trüger (Charlotte), Dalma Viczina (Emily) und Katharina Abt (Anne) spielen die emanzipierten Frauen überaus stolz und glaubwürdig. Und sie zeigen in jedem Moment auch das Hölzerne an ihnen, das Unzufriedene, Verzweifelte, manchmal Kleinliche. Ihre Kommunikation ist witzig, voller Selbstironie.

Wüten in Autoritätskonflikten

Zwei Schülerinnen aus Neukölln und ihre Lehrerin bilden den Jetztzeit-Kontrast zu den historischen Figuren, sie brechen sentimentale Momente und wüten in Autoritätskonflikten, sie nähern sich an und schließlich passiert es: Der alte Stoff verschmilzt unmerklich mit ihrem Leben.

Spielen als hätten sie die Abschlussprüfungen schon hinter sich

Die jungen Menschen, die auf der Bühne stehen, sind fast alle Jahrgang 1990 oder später. Sie spielen, als hätten sie die Abschlußprüfung schon hinter sich, einfach, klar und ohne Pose. In einem Musical ist das nicht einfach. Wenn sie älter wären, würden man ihnen die Brontë-Schwestern vielleicht weniger glauben. Weg von der Depression, hin zur Rebellion.

Die eine ist in die Lehrerin verliebt, die andere soll zwangsverheiratet werden

Es zeigt sich, daß die Lehrerin des Deutsch-Leistungskurses eine brave Schülerin und eine aufmüpfige hat. Die Aufmüpfige findet Bücherlesen scheiße und holt sich ihre Infos bei Wikipedia. Die Brave ist eine Muslima, die kurz vorm Abi zwangsverheiratet wird. Ist alles gar nicht einfach: Die Aufmüpfige verliebt sich in die Lehrerin und erpreßt diese dann so ein wenig und die Brave liebt ihren unbekannten, fremdausgesuchten Mann. In diesem Zusammenhang wirken die Brontëtexte sublim – schließlich identifiziert sich jede der drei Frauen mit einer der Schwestern. In einem Lied heißt es: »Was du auch tust wird andere verletzen, gar nichts zu tun, heißt sich überschätzen«.

Ein Hohelied aufs Buch

Das Musical ist auch ein Hohelied aufs Buch, was hier in einem in der Mitte gegebenen Tanz zum Ausdruck gebracht wird. Das Buch ist nicht nur ein viereckiges Ding mit Seiten, es ist Befreiung. Dem Schreibenden wird es zum Sprachrohr seiner Gedanken, Gefühle und Weltbedrängnisse und dem Lesenden wird es zum Versteher eben dieser Welt und der darin vorkommenden Menschen, nebst seiner eigenen Sehnsüchte und Vorstellungen.

Nächste Vorstellungen: 27.3.,28.3., 29.3., 30.3., jeweils 20 Uhr

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