Theater in Rostock

15.4.15 jw/Feuilleton

Die Stadt Rostock rettet ihren Ruf. »Einen erfolgreichen Intendanten entlässt man doch nicht«, hatte der frühere Bundestagspräsident Wolfgang Thierse am Montag den Demonstranten zugerufen, die sich mit Sewan Latchinian, dem entlassenen Leiter des Rostocker Volkstheaters, solidarisierten.

Und tatsächlich, die Rostocker Bürgerschaft entschied am Abend nach nur einer Stunde Beratung, Latchinian soll seinen Job behalten. Oberbürgermeister Roland Methling (parteilos) wurde angewiesen, diesen Beschluss umzusetzen. Dafür hat er zwei Wochen Zeit. Im Falle eines Widerspruchs müssten sich die Bürgerschaft, das Innenministerium und Gerichte damit beschäftigen.

Auf Methlings Betreiben hatte der Hauptausschuss der Bürgerschaft Anfang des Monats die Entlassung von Latchinian beschlossen, mit einer 3:2-Mehrheit. Latchinian war Methling ein Dorn im Auge, weil er sich sein Haus nicht totsparen lassen wollte. Im September 2014 hatte er ein Vierspartenhaus übernommen. Im Februar beschloss die Bürgerschaft, das dies zwei Sparten zu viel seien: Oper und Tanz sollten wegfallen. Diese Politik verglich Latchinian mit der Barbarei der IS-Truppen, die im Irak die Weltkulturerbestätten demolierten. Das war der Vorwand für Methling, ihn abzuservieren.

Am Montag nun trat Latchinian vor seine Unterstützer und rief: »Theater ist eine kollektive Kunst, und am besten ist es, wenn man sich gemeinsam dafür einsetzt!« Er ist für Rostock ein wahrer Lottogewinn. Seit September 2014 hat er mit einer Fülle von Stücken, Gastspielen, Theatertreffen, Lesungen, Konzerten, Uraufführungen, Schul- und Laienproduktionen das Volkstheater derart erfrischt, dass der Versuch des Oberbürgermeisters, ihn wieder loszuwerden, zu etwas führte, in Rostock etwas provozierte, was dort äußerst selten ist: Protest. Und zwar täglich. Die Initiative Volkstheater Rostock führte beispielsweise eine glänzend organisierte Menschenkette durch. Hier wurde ein Theater tatsächlich einmal über alle Sonntagsreden hinaus politisch, wenn auch aus Notwehr.

Zur Zeit wird in Rostock die Brecht-Weill-Oper »Aufstieg und Fall der Stadt Mahagonny« gegeben, inszeniert von Johanna Schall. Sie passt perfekt zur aktuellen Situation. Die Ökonomie reguliert dort alle menschlichen Beziehungen, einschließlich der Rechtsprechung. In Mahagonny droht jedem die Todesstrafe, der kein Geld hat. Schließlich erwischt es auch Paul Ackermann (Daniel Ohlmann), der auf dem elektrischen Stuhl in Beinahe-Realismus mit Stromstößen gequält wird. Am Ende bekommt er einen Heiligenschein verpasst und erlebt eine Art Auferstehung. Und das sieht gar nicht kitschig aus.

Eine derartige »Mahagonny«-Inszenierung kann es nur in einem Vierspartenhaus geben: Der starke Opernchor ist auf der Bühne, das Tanztheater ebenfalls immer dabei. Ein wunderbares Zeichen von Präsenz und Protest. Rostock hat 200.000 Einwohner. Wenn die Hälfte von ihnen ab jetzt ins Theater gehen würde?

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