Trennung für Feiglinge – Rezension

Eine kleine französische Komödie bringt die Rostocker Compagnie de Comedie´ neuerdings auf die Bühne. Im Stück: Trennung für Feiglinge (von Clement Michèl) geht es um Entfremdung, Unechtheit und Falschheit in modernen Zweier-Beziehungen.

Die Entfremdung, die die Warenbeziehungen im Kapitalismus bestimmt, durchziehen auch zunehmend alle Bereiche menschlicher Beziehungen. Paul (wunderbar Männer-ironisierend gespielt von Peer Roggendorf), klagt seinem Freund Martin (Rolle: Ernst-witzig, Paul Walther) sein Leid, dass er seine Freundin Sophie (sehr gut: Katja Klemt) einfach nicht mehr ertragen kann, er träume Nacht für Nacht, dass sie vom Lastwagen überfahren würde.  Er soll ihm nun helfen, sie loszuwerden.

Gewollte Zärtlichkeiten

Als Sophie dann auftritt, begreift man, was er an ihr nicht mehr mag, nämlich ihre gewollte, eintönig-konventionelle Freundlichkeit, gleichbleibend verbindlich, sorgend, zärtlich, aber immer völlig vernunftgeleitet, eben wie sie glaubt, dass es gut und richtig sei, und nie das, was sie wirklich fühlt. Und auch Paul erlebt man, völlig entgegen seinen Mordphantasien, ebenso gewollt wie sie.  Ebenso perfekt-pflichtbewusst bleibt auch seine Freundlichkeit und Zärtlichkeit gestaltlos, gehaltlos, kalt.

Tausende leben so, deshalb lacht das Publikum auch. Man nennt sich „Schatz“, man sagt sich Tag und Nacht dasselbe, die Gesprächsthemen kreisen um immer dieselben banalsten Gegenstände: Essen, schlafen, Urlaub, es herrscht Einöde.

Beiden fehlt es an Mut, ihren unmittelbarsten Gefühlen nachzugehen, und an Fähigkeit echt zu sein, so kultivieren sie die Fremdheit zwischen sich. Eine Fremdheit, die in der intimsten Nähe zwischen Menschen wächst und alles zersetzt.  Die Mordphantasien des Paul sind dabei die Gedanken, die den meisten Menschen, die so ein Leben führen, unbewusst bleiben. Indem die Komödie dies sichtbar werden und nach einer Lösung drängen lässt, schafft sie ein Bewusstsein darüber und ist im Innersten emanzipativ.

Auf den Kern der wahren Gefühle durchstoßen

So ist dieses kleine Stück mehr als es auf den ersten Blick scheint. Das macht den Witz aus, das schafft Spannung, die zu immer mehr Klarheit führt, das macht, dass das Publikum einen ungeheuren Genuss fühlt, der immer mehr auf den Kern der wahren Gefühle durchstoßenden Entwicklung beizuwohnen und sie nachzuvollziehen.

Die drei Spieler schaffen dies mit sehr geistreicher Komik. Sie machen sich nie über ihre Rolle her, sie bleiben darin als Menschen sichtbar, mehrdimensional.

An Gegenständen hängen noch Gefühle

Der Freund Martin wird von Paul gedungen, sich als „Störenfried“ in der Wohnung des Paares einzumieten, mit dem Ziel der Freundin in solcher Weise auf die Nerven zu gehen, dass sie auszieht, denn Paul denkt nicht daran, das seinerseits zu tun, denn alles in der Wohnung sei ja seins.  Sophie ihrerseits aber verliebt sich in Martin und das ist auch sehr witzig, denn nun will sie erreichen, dass Paul auszieht, denn auch sie glaubt, alles in der Wohnung sei ihrs. Auch dieser Aspekt der Komödie ist witzig und aufhellend, denn an Gegenständen hängen noch Gefühle, Menschen sind einem schon egal geworden.

Mit echt französischem Wortwitz und einer wunderbar selbstironischen Art diesen spielerisch darzustellen, schafft die kleine Bühne 602 in Rostock auch hier die Lücke zu füllen, die durch den Weggang von Sewan Latchinian im Schauspielfach in Rostock entstanden ist.

Die Ménage-à-trois endet wie Paul es sich gewünscht hatte, nur ist er nun nicht mehr einverstanden damit. Die echten Gefühle sind auf dem Tisch, es ist gekommen,wie es sollte, aber übrig geblieben ist Ratlosigkeit, das Publikum nimmt die Anregung mit nach Hause,  eine Heile-Welt-Idylle schneller zu entlarven und man auch gegen die Entfremdung arbeiten kann.

„Trennung für Feiglinge“ nimmt ein modernes Spießbürgertum aufs Korn, das wie auch schon früher, zur Zeit der Spitzendeckchen und Kuckucksuhren, darin besteht, sich an Ritualen festzuklammern, echte Gefühle nicht auszuhalten, ein angsterfülltes Leben zu leben und Veränderungen aus dem Wege zu gehen.

TRENNUNG FÜR FEIGLINGE
Komödie von Clément Michel
Deutsch von Frank-Lorenz Engel
Mit Katja Klemt, Peer Roggendorf und Paul Walther

Nächste Vorführung: 21.4.17

Reservierungen: 03 81/ 2 03 60 84

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