Leerlauf im DT – Rezension

Das Stück Leerlauf im Deutschen Theater spielt auf grauen, schwankenden Brettern.

Ein junger Mann routiert in seiner Einraumwohnung zwischen Toaster (mit verbranntem Käsetoast) und Ventilator, aus dem die Erinnerungen wie flackernde Flammen zu schlagen scheinen. Jedes kleine Geräusch hören die Zuschauer mit ihm zusammen als lautes Krachen, dabei schreit und brüllt er jedes Mal unverhofft auf. Seine Sprache ist hasserfüllt auf die heimatliche Welt, wo seine Freundin ihn verlassen hat und alles andere „so weitergeht wie immer“.

Mit der Erosion seiner Persönlichkeit bezahlt

Er hat seinen „Kriegseinsatz“, der doch angeblich für den Frieden sein sollte, mit der Erosion seiner Persönlichkeit bezahlt.  Das bleibt ihm nun, mehr nicht.  Dafür hat er ein klares Bewusstsein. Und das zeigt sich auch in seinem Verhalten. Sein Aussehen ist verwahrlost und bleich, sein Blick wild und umherschweifend, seine Erlebnisse von Leiden und Tod verfolgen ihn wie Furien. Seinen Eltern kann er, je netter sie zu ihm sind, nicht unter die Augen treten, zu wütend fühlt er sich, schmutzig, besudelt, zerstört.

Wird das Töten nicht los

Was quält ihn außer die Detonationsgeräusche, die ihm das Trommelfell zerrissen haben? Es wird nicht gesagt, es wird gezeigt:  Im zweiten Teil kommt  der verwaiste Vater Bouwman hinzu, sein Sohn ist “gefallen”, seither wähnt er sich in einem Alptraum.  Er fragt den jungen Mann wie es ihnen dort gegangen sei. Darauf drückt der ihm eine Pistole in die Hand, richtet die in der Hand des Vaters so aus, dass sie auf ihn zielt und sagt dann: „Schieß! Dann weißt du, wie es dort war!“ Eine starke Szene!

Das Töten ist es, dass er nicht mehr los wird. Es geht ihm da wie Beckmann, der auf der Suche nach einem durch Hamburg irrt, dem er die Verantwortung zurückgeben kann, die an ihm klebt, nicht abwaschbar.

Eltern erfahren vom “Fallen” ihres Sohnes

Der Vater Bouwman beschreibt eingangs die Szene, als zwei Leute plötzlich an seiner Tür stehen, um ihm den Tod seines Sohnes mitzuteilen. Damit kommt in diesem Stück die zweite Perspektiven ins Bild: Die Elternseite. Noch ist offenbar keine Kriegsakzeptanz erreicht, denn Vater und Mutter stehen schreckensstarr. Noch bevor die Beamten den Mund auftun, wissen er und seine Frau schon was kommt. Sehr anschaulich beschreibt er die nachfolgende Geistesverwirrung, das eigentlich Unbegreifbare bringt hier Jörg Pose meisterhaft wirkungsvoll  auf die Bühne

Mental zurück an das Unvorstellbare?

Die beiden treffen aufeinander, der Vater trifft den Kameraden seines Sohnes. Dieser lebt ohne Kontakt zu lebenden Wesen. Er will nichts wissen von seinen sentimentalen Anwandlungen, er könne ihm nichts sagen, schnauzt er ihn an. Annäherung kommt erst allmählich zustande, als der Vater seine Geschichte erzählt. Der Vater tritt in Fallschirm-Soldatenkluft an und übergibt diese am Ende dem Kameraden seines Sohnes, den er auffordert, sie anzuziehen. In der letzten Szene strafft sich der jüngere, sieht in der Uniform wieder schmuck und selbstbewusst aus, salutiert am Ende, er ist wieder dort, das ist der einzige Ort, wo er noch sein kann.

Ein starkes Stück mit einem Ende, das zum Denken anregt

Heute begegnen einem ab und an junge Menschen, die aus dem fernen Krieg kommen, den unser Land wie unbemerkt führt. Man erkennt sie manchmal an ihrem Zynismus über das Menschliche, was ihnen dort verlorengegangen ist. Sie betiteln sich als “traumatisiert”. Im Programmheft ist von “Veteranen-verbänden die Rede, die das Recht auf Therapie einklagen. Ein Teil der Therapie ist es, denjenigen wieder in die damalige Kleidung und Situation zu bringen.

Die Erkenntnis, dass sie ausgenutzt wurden, ist da, hat sich geschärft, beide, Vater und junger Mann wissen, die Soldaten sind verheizt, als Material benutzt und dann auf den Müll geworfen worden, wie ausgedientes Gerät. Beide rufen den Staat als Verantwortlichen an, doch der rührt sich nicht.

Therapie zur Rechtfertigung von Tötungshandlungen?

Aber lässt sich eine Schuld, wie das Töten von seinesgleichen, mag er ein Talibankämpfer oder ein unschuldiges Kind sein, mittels Therapie aus der Seele verbannen? Das Stück lässt das Ende offen. Wollen wir, dass junge Menschen, die neuerdings wieder zum Töten gedungen werden, ihre Tötungs-Handlungen so „verarbeiten“, dass sie am Ende davon überzeugt sind, dass sie selbst nichts dafür konnten? Eine Gradwanderung.

Zur Zeit des Vietnamkriegs haben die Veteranen die Friedensbewegung angeschoben

Ein Veteranenverein hat sich gegründet, mit dem der Autor des Stückes während der Recherche Kontakte pflegte. Die letzte Szene, die an die Trauma-Therapie anknüpft, suggeriert aber jedem Unkundigen, dass er am besten zurück in die Schlacht gehe, dass das die einzige Lösung ist, bei seinen Kameraden sein, zusammenhalten, wenigstens in seiner Vorstellung. Und sie zeigt, dass der Soldat, der aus der Schlacht kommt, an seine Truppe gefesselt beibt, nicht mehr los kommt davon, so hält der Krieg sich selbst immer weiter aufrecht, ein bekanntes historisches Phänomen.

Zu Erich Maria Remarque´s  Zeiten (Im Westen nichts Neues) war es eine Protestwelle gegen den Krieg, die folgte. Nach “Draußen vor der Tür” schrieb Wolfgang Borchert das bekannte Gedicht: “Sag Nein!”.  Viele der traumatisierten amerikanischen GI´s schoben die Friedensbewegung mit an.

Auch hierzulande muss eine neue Friedensbewegung entstehen und aus dem Ruf nach Anerkennung der posttraumatischen Belastungsstörung sollte sich die politische Forderung: “Nie wieder Krieg!”entwickeln.

Jörg Pose gab den Vater authentisch und berührend

Gespielt wird es im zweiten Teil stärker und mit mehr Kraft als im ersten. Jörg Pose gibt den Vater vielschichtiger, nachvollziehbarer,  authentischer.  Thorsten Hierse blieb in seiner Rolle zu laut, zu hektisch, redete zu schnell, übertrieb die Figur um eine winzige Drehung, doch ist es nicht einfach einen potentiellen Amokläufer darzustellen.

Nächste Vorstellungen: heute 23.11., 19.30; 8.12., 20 Uhr

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