Volpone oder der Fuchs im Volkstheater Rostock

Was passiert, wenn man reich ist, umgeben von feinen Freunden, und man plötzlich sterbenskrank wird und jeder dieser Freunde plötzlich nur noch an das Geld denkt, dass man möglicherweise erben könnte? Ein uralter Theaterstoff. Besonders, wenn derjenige, über dessen Besitz die Aasgeier herfallen, noch am Leben ist und alles miterleben muss, wie King Lear zum Beispiel oder andere. Das Stück eines Shakespeare-Zeitgenossen, des zu Unrecht vergessenen Dichters Ben Johnson (1562), hat dieses Thema sehr originell aufbereitet und die Regisseurin Jule Kracht hat diesen Stoff in einer superben Besetzung am Volkstheater Rostock grandios inszeniert. Da stimmt wirklich alles, jeder Witz sitzt, jede Geste, jedes Minenspiel. Und alles dreht sich um die uralte Geißel der Menschheit, das Geld und seine ungeheure Macht, die über Leichen geht.

Die Hauptperson, der reiche Volpone, als Fuchs charakterisiert, gibt vor, sterbenskrank zu sein, und muss erleben, wie aus Freunden plötzlich habgierige Raubvögel werden, die auf sein Erbe schielen. Sie überhäufen ihn mit großzügigen Geschenken, schmeicheln ihm, tun so, als wären sie um seine Gesundheit besorgt, aber werden durch einen Trick, den sich Volpone und sein Diener Moska ausgedacht haben, auf entlarvende Weise an der Nase herumgeführt. Während des Spiels im Spiel verwandeln sich Menschen in fabelartige Tiere, was ihren Charakter noch deutlicher sichtbar macht. Die Hauptperson ist der Fuchs, (sehr gut gegeben von Hagen Ritschel), sein Diener Mosca ist einer Schmeißfliege nachempfunden, die sich jedem Dreck anhaftet, man behält sie noch lange im Gedächtnis! Sie wiegt jeden der „Freunde“ des angeblich sterbenden Hausherrn in dem Glauben, dass derjenige nun schon als Hauptbegünstigter ausgewählt wurde, macht Hoffnungen, kassiert Geschenke ein, verspricht, umschmeichelt, stachelt die Gier der Bewerber immer mehr an, wunderbar verschlagen und galant, mit starkem Körpereinsatz, gespielt, ein großes Bravo für Katharina Paul. Der Charakter einer Schmeißfliege, die alles für seinen Herrn und dessen Vorteil zu tun bereit ist, und sich dabei an jeden anderen ebenso manipulativ anschmeicheln kann, ist wunderbar getroffen. Und auch die Erbschleicher und betrogenen Betrüger Voltore (Geier), super durch Ulrich K. Müller gespielt, Corbaccio (Rabe), perfekt durch den Charakterdarsteller Frank Buchwald, und Corvino (Krähe), durch Joshua Walton gegeben, wurden mit viel Leidenschaft, Können und echtem Engagement gespielt. Auch die Kostüme waren wunderbar originell konzipiert, mein besonderes Lob geht dabei auch an die Kostümbildnerin Nora Lau.

Während nun diese „Vögel“ alle moralischen Prinzipien aufgeben, haben Volpone und sein Diener Mosca auch viel Spaß. Am Ausplündern und auch an der ungeheuren Macht, die das Geld verleiht. Rabe, Geier, Krähe, Fuchs, Fliege, wunderbar gut getroffene Typen von Raffgier. Am Ende verheddern sich alle im Netz der ausgespannten Lügen und Versprechungen und keiner „kann mehr vor seinen eigenen Begierden sicher sein“, wie es im Programmheft dazu heißt. Der Trick, den sich das Betrügerpaar Volpone und Mosca ausgedacht hat, wendet sich am Ende gegen sie selbst, lässt am Ende alle kläglich scheitern.

Eine starke Botschaft gegen die Grundfesten, auch unseres heutigen Wirtschaftssystems, des kapitalistischen, dem angeblichen Sieger in der Geschichte, wo alles nur auf das schiere Anhäufen von Geld, Macht und Besitz ankommt, und das Menschliche auf der Strecke bleibt. Das Stück hält so, auch 400 Jahre nach seiner Uraufführung noch immer der Gesellschaft den Spiegel vor, ist die Idee des Anhäufens von Geld und Macht doch offenbar auch heute noch aktueller als je!

Eine tolle Idee, sehr gute Umsetzung am Rostock Volkstheater, großes Lob an Jule Kracht! Leider viel zu früh abgespielt!

Hintergrund:

Das Stück Volpone ist ein satirisches Stück von Ben Jonson aus dem Jahr 1606. Dieser war einer der bedeutendste Dichter der Renaissance. Der nur 8 Jahre jüngere Benjamin Johnson, überlebte Wiliam Shakespeare, zu dem er einen berühmten Nekrolog geschrieben hat, um mehr als 21 Jahre und sah sich stets eher als einen Gelehrten an, dem griechische und römische Vorbilder heilig waren und der neben Dramen vor allem Lyrik hinterließ, legte großen Wert auf eine Klarheit der Form und Schlichtheit des Ausdrucks. Dadurch trug er maßgeblich zu der Entstehung des Ideals eines schlichten Stils (plain style) bei. Ausgehend von der römischen Komödie begründete er eine neue Form der satirischen Sittenkomödie, die bis in das 18. Jahrhundert bestehen blieb. In seinem wichtigsten Stück Volpone kritisiert er menschliche Gier und Täuschung. Es erzählt die Geschichte von Volpone, einem Venezianer, der seinen eigenen Tod vortäuscht, um gierige Anwärter mit Hilfe seines Dieners Mosca um ihr Geld zu betrügen. Durch ihre Machenschaften satirisiert das Stück die korrupten Bürger Venedigs und deren Besessenheit mit Geld und Überfluss. Am Ende führt Volpones Mangel an Selbstbeherrschung dazu, dass er von Mosca überlistet wird. Er wird ins Gefängnis geschickt, während die gierigen Anwärter öffentlich gedemütigt werden. Das Stück gilt als eines von Benjamin Jonsons besten Werken und bleibt eines der besten Beispiele für die Jakobäische Komödie.

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