Vom Untergang der SED – Theater 89 – Rezension

Das Theater 89 in Berlin hat  das „Ende der SED“ auf die Bühne gebracht, adaptiert aus dem gleichnamigen Buch von Hans Hermann Hertle und Gerd Rüdiger Stephan vom März 2012.

Das Ganze im Original ZK-Saal, , heute Außenministerium. Nachdem sich das Premierenpublikum eingefunden hat, in der ersten Reihe schon wieder die Friedrich-Naumann-Stiftung, und sich alle durch den Polizeikordon und eine Flughafenschleuse gequält haben (das war echt, gehörte nicht zum Stück), sieht man mehrere hellgraue Männer mit rosa gefärbten Blutköpfen auf Zuschauerplätzen sitzen, die im Laufe des Stückes gegen die lebenden, hellgrau geschminkten Anzug-Männer auf dem Podium ausgetauscht werden.   Dann beginnt es.  Die im Programm namentlich genannten 20 ZK-Mitglieder werden von insgesamt neun Schauspielern abwechselnd, ohne Änderung des Kostüms und der Haarfrisur gegeben, es ist nicht wichtig, wer was gesagt hat.

Beim Politbüro kein Gehör gefunden

Namen werden genannt, Missstände, meist wirtschaftlicher Art werden angeprangert, angeblich haben manche das Ganze schon seit 1973 oder 1969 angemahnt, aber beim Politbüro kein Gehör gefunden. Die weitschweifig vorgetragenen Argumentationsketten umwabern das Publikum wie Nebelschwaden. Die alten, neuen Vorschläge laufen darauf hinaus im Sozialen zu kürzen und die „Leistungsstandards“ anzuheben. Verbrämt und in typischen Sprachhülsen redengewohnte Politiker, fordern nicht direkt Genannte, die sich aber jeder dazu denken kann, auf, endlich „Verantwortung“ zu übernehmen. Das ZK im Ganzen darf keinen Schaden nehmen, so der Tenor.

Dass das Volk weglaufen könne

Während draußen die Entwicklung an diesem hohen Hause vorbeigeht, wird drinnen immer drängender weiter um die Verantwortlichkeiten gestritten. Die größte Sorge dabei ist, dass das Volk noch „ganz weglaufen“ könne, was, wie man sich gegenseitig appellierend versichert, zu verhindern sei. Nicht ein Mal ist von Terroristen die Rede, von Staatsfeinden, von Verbrechern, das schlimmste Wort, das fällt, ist „Randalierer“, dies seien aber nur wenige, dafür wird um so öfter von der „Arbeiterklasse“ als Gesamtheit gesprochen, die verärgert sei. Man merke auf: Nicht über die man verärgert sei!  Erkenntnis: Das ZK sah sich durchaus als Dienerin der Arbeiterklasse, als ihre Vertretung in Nachfolge des antifaschistischen Kampfes gegen dieselbe.

Am Scheideweg des Machtverlusts recht friedlich

Hass auf die Menge,  Arroganz der Macht, Herabblicken auf Überflüssige, Militanz und Drohgebärde, es fehlt hier völlig. Schaut man sich in der Welt um, so würde man kein Vergleichs-Regierungsbüro finden, dass sich am Scheideweg des Machtverlusts derart friedlich, zerknirscht und schuldbewusst gibt. Immerzu ist die Rede von Schulden und Schuld, und einer weint am Ende gar, übt heftige Selbstkritik, sagt, dass die Partei sein Leben gewesen sei, was er nun verloren habe, das Publikum lacht darüber.  Keiner der Mächtigen spricht davon 30.000 bewaffnete Soldaten zu holen, in die Menge zu schießen, tränengasbewehrte Polizeieinheiten loszuschicken, Fußballstadien zu Folterhöhlen umzubauen, nichts, ein friedliches Abdanken alter Männer, deren höchster Besitz eine Datsche in Wandlitz war.

DDR-Lieder pathetisch

Leider ist das Ganze ermüdend, es gibt wenig künstlerische Gestaltung dazu und die immer länger werdenden ZK-Sätze mit ihren indirekten Andeutungen und Worthülsen werden nur manchmal familiärer und direkter, wenn einer ausrastet, wenn einer sich Sorgen macht, wenn einer ahnt, dass bald alles „aus“ sei, doch interessanterweise geht es dabei nie um persönliche Privilegien, die man noch schnell sichern, nie um die eigene Haut, die man noch schnell retten will, immer um das Volk, dass man nicht verlieren, das Werk, was man aufbauen, eine bessere Welt, die man gegen die Barbarei des Faschismus hatte schaffen wollen.

Begleitet wird das Ganze mit DDR-Liedern eines patethisch intonierenden Chores aus Frankfurt/Oder, der die Szenenüberleitungen übernimmt und wo die Kampflieder aus dem spanischen Bürgerkrieg zu steifen Kirchenliedern gerieren.

Wo andere längst gefunden haben

Die Situation wird der Lächerlichkeit preisgegeben, ohne wirklich Witz zu haben. Die im Abstürzen begriffenen Verantwortlichen suchen noch, wo andere längst gefunden hatten und während die Demo-Rufe schon durchs Fenster schallen, ist man hier hoffnungslos zurück. Nun ja, die Politikergarde heutzutage ist oft nicht weniger abgehoben. Dazu aber wesentlich selbstbewusster. Beruft sie sich doch statt auf die „Arbeiterklasse“ auf die Gegenpartei und dort stehen bekanntlich „Millionen“ hinter ihnen. Weniger Menschen, die Wert schaffen, als deren Tauschprodukt, das Geld, dass aus den Vielen abgesogen wurde und sich in Händen einiger Weniger sammelt, die damit weltweite Ungerechtigkeit, Umweltzerstörung und kriegerische Eroberungsfeldzüge, getarnt als humanitäre Interventionen, auslösen.

Wenig abwechslungsreich, nirgends gebrochen

Einige Zuschauer verlassen schon vor Schluss den Saal, das sieht aus, als gehöre es zum Spiel, ist aber nicht so, viele husten, einige kämpfen gegen den Schlaf an, das Ganze ist einfach zu wenig abwechslungsreich, nirgends gebrochen, nirgends durch Gegensätze oder Vergleiche oder Übertragungen spannend gemacht, kein Volk wurde gezeigt, keine politische Forderung genannt, nur immer die gebetsmühlenhaften Selbstbeschuldigungen und vergeblichen Ursachenforschungen der ZK-Mitglieder in ihren hellgrauen Anzügen, die sich zum Gaudi aller mit Genosse Heinz, Genossin Elke usw. ansprechen.

Zweck verfehlt

Wenn das Ziel sein sollte, die Bösartigkeit einer diktatorischen Machtchlique zu zeigen, so wurde es verfehlt, das ließ sich so gut wie gar nicht ableiten, konservative Ost- und Westler mussten also enttäuscht sein, die Mächtigen des Unrechtsregimes nur als zerknirschte Leute zu sehen, die keiner Fliege was zuleide tun können. Wenn das Ziel war, den Menschen mit DDR-Hintergrund etwas Wichtiges zum Verständnis der DDR-Geschichte mitzuteilen, so muss man das ebenso als verfehlt betrachten, denn dieses alles schienen viele zur Genüge zu kennen, es demütigte sie, oder belustigte sie, weil es ihre Staatsmänner derart schwächlich zeigte. Wenn das Ziel war, den Menschen mit BRD-Hintergrund etwas Bedeutendes über die DDR zu erklären, so hat man hier sicher den größten Ermüdungserfolg zu verzeichnen. So hat die Sache ihren eigenen Zweck verfehlt.

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