Big Deal im Grips – Rezension

23.04.2010 / junge welt/ Feuilleton

Stimmt es, daß wer einen bestimmten Stoff braucht, um sich gut zu fühlen, in Wirklichkeit nur deshalb einem Gefühl hinterherjagt, weil er im wirklichen Leben eine Lücke spürt? Beim neuen Grips-Stück »Big Deal?« hat der Regisseur Robert Neumann das Kunststück zuwege gebracht, die Aristotetelischen Theatergesetze (Einheit von Zeit, Ort und Handlung) derart umzusetzen, daß sie zur Intensivierung des Erlebens führen – also genau den Zustand erreichen, den sich auch Drogenkonsumenten versprechen. »Big Deal?« ist ein Stück des bekannten kanadischen Autoren David S. Craig, ein kleines, feines Stück konzentrierter Beobachtung einer kurzen Therapieszene in der Jugenddrogensozialarbeit. Es betrifft ungefähr 30 Prozent der Jugendlichen in Deutschland, die mit Cannabis, was ja immer noch eine illegale Droge ist, Erfahrungen haben. Die Grips-Motti: Probleme sichtbar machen, Probleme ergründen, Lösungen ausprobieren, aus den alten Wegen ausbrechen und dabei noch Spaß haben sind so ungefähr die Ansätze, die auch hier verfolgt werden.

Einander verstehen lernen, das betrifft hier Vater und Sohn und Therapeutin. Aller drei Befindlichkeiten, aber auch Fähigkeiten, werden nacheinander enthüllt, und trotzdem bleibt der Schluß offen, die kleine, kurze Versöhnung am Ende kann täuschen oder vorübergehend sein, weiter im Gespräch bleiben ist die Botschaft, seine miesen Gefühle einander offenlegen. Nur von da aus kommt man weiter. Volker Ludwig, der Intendant des Berliner Grips Theaters sagt: »Realistisches Theater zu machen, das mit einer Hoffnung endet, ist mehr oder weniger paradox«.

Bei »Big Deal?« ist die Bühne ein schmaler Streifen: die Abstellkammer einer Sozialarbeiterin in einer Drogenberatungsstelle. So ärmlich, wie solche Stellen in der Regel ausgestattet sind, kalt, ungemütlich, mit weißer Wand. Für die Wand hat sich der Bühnenbildner Max Julian Otto etwas Besonderes ausgedacht: Auf ihr laufen Zwischenszenen und zwar als gezeichnete Filme der Großstadtrealität des »Draußen«– Hochhäuser, paar Pommes von Mäckes und zugezogene Kapuzenkinder, die von Ort zu Ort schlurfen. Nach jeder Szene werden eindrucksvolle Zeichnungen in Bewegung gesetzt, die das eben Gesagte gestalterisch kommentieren. Das hat man so noch nicht gesehen. Ganz nebenbei wurde hier ein neues Genre geschaffen.

Die Sozialarbeiterin (Alex de Gruijter) hält den Vater des betroffenen Jungen (Carl Schneider) zunächst für den Gläubiger ihrer BAföG-Schulden. Gerade durch das Offenlegen ihrer eigenen Sorgen gewinnt sie zunehmend an Kraft. Der Junge wird bei einer Party vom Vater angezeigt. Er wird von den Bullen im Kampfgriff abtransportiert, zuerst in den Knast, da er mit 100 Gramm erwischt wurde, dann muß er zur Zwangstherapie. Jan Schneider spielt den typischen, vom Vater enttäuschten Sohn, dem etwas Entscheidendes fehlt, das erst am Schluß richtig hoch kommt, um mit Kafka, wie im Programmheft zitiert, zu sprechen: »Ich hätte ein wenig Aufmunterung, ein wenig Freundlichkeit, ein wenig Offenhalten meines Weges gebraucht, statt dessen verstelltest du ihn mir (…) faßt du dein Urteil über mich zusammen, so ergibt sich, daß Du mir zwar etwas geradezu Unanständiges oder Böses nicht vorwirfst, aber Kälte, Fremdheit, Undankbarkeit. Und zwar wirfst du es mir so vor, als wäre es meine Schuld (…), während du nicht die geringste Schuld daran hast, es wäre denn die, daß du zu gut zu mir gewesen bist« (aus: »Brief an den Vater«, 1919).

Aber auch den Vater, jähzornig aus Sorge, nun ja, den versteht man am Ende, jedoch ohne seine Ansichten zu teilen. Patriarchalische Strukturen beherrschen die persönlichen in einer Kaufen- und Verkaufen-Gesellschaft. Der Vater handelt mit Immobilien, der Sohn mit Gras, und während der Vater Leute übers Ohr haut und damit so viel Geld macht, daß er dafür alles und jeden kaufen kann, glaubt er zumindest, macht der Sohn seiner Meinung nach nur seinen Freunden eine Freude. Sehr gut ist der Sohn in der Anfangsszene mit der Sozialtherapeutin getroffen, als er immer wieder gestikulierend vom Stuhl auf den Boden, vom Boden auf den Stuhl springt und ihr seine abenteuerlichen marihuana-mitbestimmten Phantasien erläutert. Das Stück ist viel zu früh zu Ende, aber sonst wäre es kitschig. Der offene Schluß bietet Lehrern ideale Voraussetzungen, Weitererzählungen spinnen zu lassen, und Schüler dürfen an der kurzen Versöhnung am Ende durchaus Zweifel äußern. Wie immer gibt es ein sehr reichhaltiges Programmheft.

Nächste Vorstellungen: http://www.grips-theater.de/stuecke/jugend/repertoire.deal/repertoire.deal.vorstellungen

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