Der Gott des Gemetzels Rezension

in jw, 29.5.09, von Anja Röhl

Gott des GemetzelsZwei Pärchen in einem Wohnzimmer, verteilt auf eine Couch und zwei Sessel. Eine Frau im indischen Hemdchen mit Kette um die Hüfte. Ihr Gatte sportlich im grünen Pullover. Bügerlich-ökologisch. Typ Lehrer. Die beiden haben die Eltern des Jungen eingeladen, der ihrem Sohn einen Zahn ausgeschlagen hat. Zwei Macher (Manager, Anwälte oder Architekten), eher büromäßig angezogen. Der Mann zerstreut, sehr beschäftigt; die Frau starr, die Etikette wahrend. Man betreibt Konversation. Die profunden Kenntnisse der Dramatikerin Yazmina Reza über diese Art gesellschaftlicher Kommunika­tion verblüffen. Hier der Manager im Gespräch mit Agenten. Da die grüne, selbstbewußte Intellektuelle, heimlich alkoholkrank, im Kampf mit ihren Aggressionshemmungen. Ihr Softimann wird sich im Laufe des Abends mit dem Manager verbünden. Dessen Frau bleibt lange still, innerlich kochend. Geziert und unterwürfig schleudert sie dann Vorwürfe heraus. Messerscharf.

Masken fallen

Es wird gekotzt, gesoffen und gehetzt. Alle Masken fallen. Übrig bleibt die Jämmerlichkeit nicht gelebten Lebens. Dabei stehen sich zwei Varianten des Gutbürgerlichen im Spätkapitalismus gegenüber. »Ich glaube nur an den Gott des Gemetzels«, sagt der Manager. »Wir sind so naiv, an die zivilisierende Kraft der Kultur zu glauben«, entgegnen die Gastgeber. Gemeinsam haben die vier den Haß, die Gier, den Überdruß. Sonst haben sie überhaupt nichts. Yazmina Rezas »Gott des Gemetzels« steht schon länger auf etlichen deutschen Spielplänen. In Stralsund kommt es ohne Manieriertheit; ohne Gebrüll, daß man sich die Ohren zuhalten muß. Gefühle werden nicht wie auf Hamburger oder Berliner Bühnen ins Absurde übertrieben, bis alles lächerlich und gewalttätig wirkt und dabei ganz ohne Tiefgang bleibt. Aber warum kommt das Stück überall so gut an?  Das Stralsunder Programmheft schreibt Reza, daß die Linken es »besser als die Rechten verstehen, das Gute zu repräsentieren«. Die sei ein »Nachteil, den die Rechte niemals aufholen wird«. Himmel, welcher Propaganda ist sie da aufgesessen? Linke sind doch keine albernen Weltverbesserer. Sie wissen um die Barbarei, kennen asoziales Verhalten, halten sich keineswegs für davor gefeit. Aber sie ergründen die Ursachen und sehen diese weder in einem Gott noch in den Genen, sondern in der Organisation der Gesellschaft.

Wir schlagen einander alle blutig?

Ausdrücklich bekennt sich Reza im Programmheft zum Glauben des Managers »an den Gott des Gemetzels. Das ist der einzige Gott, der seit Anbeginn der Zeiten uneingeschränkt herrscht.« Uneingeschränkt? Sklavenhaltergesellschaft und Faschismus zum Beispiel sind bis auf weiteres überwunden worden. Daß es nicht weiter vorwärts geht, liegt nicht zuletzt an solchen Haltungen. Wie in Elfriede Jelineks »Wolken.Heim«: »Los, jetzt der neue Sport: Wir schlagen einander alle möglichst schnell blutig, damit wenigstens irgendeine Änderung von uns vorgenommen werden kann.« Die Ansicht, Menschen würde nichts als der Haß verbinden, ist eine zutiefst reaktionäre, bei aller Kunst der Aufdeckung. Eine Wahrheit aber spricht aus dem Stück: Nieder mit der höflichen Heuchelei, mit allen Regeln von Sitte und Anstand, mit Knigge und Rechtswissenschaft, die doch nur lügt und betrügt. Es geht darum, sich der Lage, in der man ist, klar zu werden. Danach kann man sie zu verändern suchen. Am schwierigsten fällt das denen, die sich gut eingerichtet haben.

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