Nachtasyl in Greifswald – Rezension

1In der Tiefe – ganz unten – auf dem Lebensgrunde – so lauten die Namen des Gorki´schen Stückes, das 1902 urausgeführt wird und wo Gorki, der noch ein Jahr davor in Russland bettelnd auf den Landstraßen umherzog, das erste Mal als Dichter wahrgenommen wurde, indem man ihn allein 18 mal vor den Vorhang rief.

Was war passiert? Er hatte einer Klasse von Ausgestoßenen Raum und Gestalt gegeben, die bisher niemand mit Aufmerksamkeit bedacht hatte außer vielleicht der örtliche Polizeivorsteher. Die Klasse, deren stetes Anwachsen man heute bald  120 Jahre später am  Hauptbahnhof der Hamburger Millionärsfamilienstadt beobachten kann, unter klassischer Musikberieselung, aber auch in Osteuropa, Südeuropa, Knieper West, Fürstenwalde Nord, Berlin Marzahn, Neukölln, Wedding, Köln, Dortmund und sogar im reichen München, diese Klasse, in New York in ausgedienten U-Bahnschächten ansässig,  lebt noch und immer noch unter den gleichen traurigen Bedingungen, verursacht wird dieses noch und immer noch durch die gleichen kapitalistischen Börsenschwenks und Krisen, während die Betroffenen tausenderlei Gründe finden, um sich selbst die Schuld an ihrem Unglück zu geben, ganz wie die BILD-Zeitung es predigt. Nur im Vollrausch bricht sich manchmal die Wahrheit Bahn, das reicht aber nur zum Verprügeln des Nächsten, sei es Bettnachbar oder Frau.

Weder Betten noch Schlafsaal

Ein Stück, das Gorki aus profunder Kenntnis heraus schrieb, ein Stück, das weder Hoffnung gibt, noch geben soll, aber es dennoch tut und das liegt an dem Geheimnis, dass man einer gesellschaftlichen Gruppe manchmal schon allein dadurch Würde verleiht, dass man sie richtig wahrnimmt und dies auf der Bühne zeigt. In dieser Inszenierung scheint man sich Katja Paryla zusammen mit ihrem Sohn Alexej Paryla, der das Bühnenbild schuf, auf die russischen Übersetzungstitel „ganz unten, Abgrund“ rückbesonnen zu haben, das „Asyl“ spielt keine Rolle, es gibt weder Betten noch Schlafsaal, es gibt nur eine schiefe, zum Publikum hin abfallende, durchbrochene Stahlkonstruktionsebene, auf der die Protagonisten herumtorkeln, stolpern und dem stetig drohenden Abrutschen entgegenwirken, dazu Stühle, mit  denen sie manchmal drohend oder sich zurückziehend herumhantieren. Sie sind fast alle ständig besoffen, gehen breitbeinig, reden ungezügelt, handeln nur manchmal nicht brutal und kalt, brüllen viel herum, wie einst im Hinterhaus am Maybachufer, wo zwischen 1981 und 91 wöchentlich mindestens zwei Mal die Polizei immer zu spät kam und dann von Familienangelegenheiten sprach, genau wie hier der Polizist, der fragt, warum man die Menschen denn trennen solle, wenn sie sich prügeln würden.

Hier stehen wir und weichen nicht

Es beginnt damit, dass zu klassischer Musik, frei nach der Idee des Hamburger Hauptbahnhofs, ein Mensch nach dem anderen aus der Mitte der schiefen dunklen Ebene hervorkommt, wie aus einem dunklen U-Bahnloch und sich alle dann jeweils blinzelnd, erwartungsvoll nach oben schauend, gemeinsam zu einem Standbild aufstellen, dass die erste Szene beherrscht. Dieses erste Standbild hat etwas Eindrückliches, es sagt: Hier stehen wir und weichen nicht, wir sind ein Fels, über uns kommt ihr nicht hinweg, über uns werdet ihr sogar stolpern. Der Blick nach oben: Was gibt uns das Leben noch? Haben wir – von euch – noch etwas, irgendetwas zu erwarten?

Vasja, der Dieb

Gescheiterte Existenzen, die sich nachts in einem von Flöhen besiedelten Bettenasyl treffen, so kennt man es, hier kleben sie am Boden unserer Gesellschaft, die eine schiefe Ebene ist, fest und stolpern, rollen sich, stemmen sich dagegen, kämpfen: „Du denkst wohl, ich komme hier nicht raus, aber ich bin schon immer überall herausgekommen, lass nur erst meine Frau sterben…“ sagt der mürrische Schlosser Klesc, der keinen Funken Mitleid für seine sterbende Frau übrig hat.  „Leinentuch, Leichentuch…“ rezitiert der Schauspieler, der „vom Alkohol vergiftet“, keine Texte mehr behalten kann, aber Hoffnung schöpft, als Luka, der Wanderer, ein Gorki-Imago, von sagenhaften Entgiftungskliniken spricht, mit Marmor, Sonne, Frischluft und Natur, wo man ihn „heilen“ könnte.  Vasja, der Dieb, der Rubel an den Baron verschenkt, wenn der ihm einen Hund macht, entgegnet, als Luka sagt, dass es alles gäben würde, an das man nur fest glaube und er doch endlich Natascha nehmen solle und verschwinden: „Mein Vater hat sein ganzes Leben im Gefängnis gesessen und mich hat er auch gleich dort angemeldet!“ Montageähnlich sind die Dialoge ineinander geschnitten, dadurch kommt gut heraus, dass die Personen so sehr mit sich beschäftigt sind, dass sie nur noch aneinander vorbeireden können, jeder sieht sein eigenes Schicksal als das Schwerste an, keiner hilft, keiner hat Mitleid, alle kämpfen und verlieren.

Illusion als einzige Hilfe

Der Wanderer Luka, die Gegenfigur, der Fremde, hat hier eine eigenartige, neuartige Rolle bekommen: Mit lila Hemd und Elvis-Tolle wird er als Dandy gegeben, als Blender, als Italienboy, als Schmeichler, der nichts wirklich ernst meint und mit falschem Lächeln den Leuten einen zweifelhaften Mut wie ein Medikament einträufelt. Eine interessante Idee, die wohl ausdrücken soll, wie wenig er dazugehört und wie stark die Affinität solcher gesellschaftlich ausgeschlossenen Schichten zum Kitsch und zur Illusion a la TV ist, denn wie aus einer TV-Sendung sieht er aus, mit seinem Rüschenhemd und seinem Glitzeranzug. Die Illusion als einzige Hilfe, die einzige Leine, die denen aus dem Abgrund noch erreichbar scheint. Am Ende hängt sich sogar der Schauspieler auf, die Illusionsidee des wundersamen Sanatoriums vermochte nicht lange zu wirken, die Kämpfe verlaufen sieglos.

Der Mensch ist mehr als ein leerer Bauch

Wofür aber kämpften sie? Um Wahrhaftigkeit und gegen die bürgerliche Heuchelei, die ihren Zustand mit klassischer Musik zukitten will, mit billigen Almosen, mit betulichen Worten oder mit Gefängnis. Aleksa, von Jana Nedorost sehr gut gegeben, fast noch ein Kind, aber schon sturzbetrunken, ruft aus: „Für einen Kreuzer kannst du mich haben, willst Du?“ Es geht darum, das Schreckliche wenigstens aussprechen zu können: „Sibirien, da komm ich sowieso bald hin!“ Und um ihre Würde: „Der Mensch ist mehr als ein leerer Bauch!“

Der Untergang einer Zivilisation

Eine sehr gute Idee  vom Nachtasyl als Schauplatz zu abstrahieren und stattdessen lieber den Abgrund fühlbar zu machen. Es wurde sehr viel geschrien in diesem Stück, hier fand ich es zur Abwechslung einmal passend, bis zum Schluss war nicht einer der Protagonisten nüchtern, Alkoholiker sind laut, sie schreien und toben herum, es wäre unpassend sie nur leise traurig und depressiv gezeigt zu haben, ihre Kraft drückt sich unter anderem in dieser Lautstärke aus, das Herumgrölen ist ihre letzte Botschaft an uns, bevor sie vergehen. Gott bewahre uns vor dem Abgrund, aber wer das Programmheft liest, findet folgende Präzisierung: „Es geht nicht mehr darum zu warten – auf einen Lichtblick, die Revolution, die atomare Apokalypse oder eine soziale Bewegung. Noch zu warten ist Wahnsinn. Die Katastrophe ist nicht das, was kommt, sondern das, was da ist. Wir befinden uns schon jetzt in der Untergangsbewegung einer Zivilisation. Das ist der Punkt, an dem man Partei ergreifen muss.“ (Unsichtbares Komitee, 2009)

Gut aus dem Fenster geschaut

Bravo Theater Vorpommern, gut aus dem Fenster geschaut, Mecklenburg-Vorpommern ist das allerärmste Bundesland Deutschlands: „Für die Exkludierten gilt der meritokratische Grundsatz: „Leistung gegen Teilhabe“ nicht mehr. Was sie können, braucht keiner, was sie denken, schätzt keiner und was sie fühlen, kümmert keinen. Es breitet sich das Gefühl aus, dass sich einige wenige auf Kosten der vielen ein schönes Leben machen.“ (Heinz Bude, 2008, auch Programmheft) Gorkis „Abgrundsstück“ passt da gut, neu und aktuell umgesetzt, hingehen!

Tickets hier: http://www.theater-vorpommern.de/tickets/

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