Die fabelhaften Millibillies – Rezension

 jw /feuilleton / 2.2.2012

Jennifer Breitrück

 Eine letzte Bastion nicht autoritärer Erziehungsideale, von verstehender und emanzipativer Pädagogik ist das Gripstheater in Berlin.  

Von den Forderungen unserer neuzeitlichen Kontrollgesellschaft lässt es sich nicht irre machen und zeigt weiterhin, wie man sich als kleiner Mensch im Leben mit den Großen zurechtfindet, ohne dass man den Kopf einziehen muss.

 Doof geborn ist keiner

Eine kleine Produktion am Rande schien mir der Liederabend »Die fabelhaften Millibillies« zu sein, der berühmte Songs aus alten Grips-Stücken zu einem kleinen Programm zusammenfaßt, damit sie nicht vergessen werden bei der Flut pädagogischer Gegenpropaganda. Wie überrascht aber war ich von dem Ergebnis. Die Lieder: »Wir werden immer größer, jeden Tag ein Stück«, »Doof geborn ist keiner!«, »Mattscheiben-Milli«, »Trau Dich!« und »Manchmal hab’ ich Wut!« werden nicht nur mitreißend gesungen, sondern von einer genialen Choreographie begleitet, die Jennifer Breitrück so eindrucksvoll kindgerecht (nicht kindertümelnd!) rüberbringt, daß man tatsächlich meint, ein Kind von ca. acht Jahren vor sich zu haben.

Tonwelle aus zusammengerolltem Bettlacken

Es wird viel dafür getan, daß man die Lieder auf allen Sinneskanälen wahrnimmt. Beispielsweise begleitet sie die in den Liedtexten vorkommenden Gegenstände mit einer spielerischen Geste, genau wie es Kinder in den berühmten Klapp-Handspielen, bei denen man sich gegenseitig abklatscht und dazu illustrierende Bewegungen macht – in einer Art Vorform des Rap. Oder es wird mit Hilfe einer Leine aus zusammengerollten Bettlaken eine Tonwelle zum Schwingen gebracht. Bestimmte Stimmen, wie die von meckernden Eltern, werden mit den Händen weg- und wieder hergezaubert.

Wut ausdrücken und Freundlichkeit kennenlernen

Jennifer Breitrück spielt Emilia, die sich sozusagen eine ganze Band herbei imaginiert, die man auf der Bühne, einer Art Abstellraum mit zwei Malerleitern rechts und links, auch hören kann. Außerdem träumt sie von einem Freund (Jens Modalski) aus ihrer Klasse, der aber immer zu Stress hat, weil er versucht, die Anforderungen der Erwachsenen an ihn zu erfüllen. Auf der Bühne sind zwei Kreise, im einen steht »Wut«, im anderen »Glück«, zwischen denen hin- und hergehüpft wird. Während der Traumjunge eine Unmenge an Wut im Bauch hat, kennt Emilia keine Wut, da ihre Eltern selbst die strengsten Dinge freundlich und gedämpft, also falsch und heuchlerisch sagen und sie also gegen sie gar keine Handhabe hat. So lernt sie, Wut auszudrücken, und er Freundlichkeit kennen, und in dieser Art geht es den ganzen kleinen Liederabend lang weiter. Daß man durch Freundschaft Mut kriegen kann, daß man gemeinsam Angst überwinden kann, daß man größer wird: »…auch wenn man uns einsperrt oder verdrischt: Wir werden immer größer, da hilft alles nischt!«

Es kommt drauf an, dass man entdeckt, was in ihm steckt

In dem Lied »Ottokar hat Segelohren«, in dem für die krudesten Unterschiedlichkeiten, für die Kinder schon immer ausgelacht wurden (Sommersprossen, schiefe Zähne, krumme Beine, klein, groß, dick, Leberflecken, Doppelkinn), Reklame gemacht wird, verbirgt sich der gegen Vorurteile gerichtete Refrain: » Na und? Na und? Die Welt ist eben bunt. / Jeder Mensch sieht anders aus, da mach dir nichts draus. / Es kommt nur darauf an, daß man entdeckt, was in ihm steckt.«

Alles sehr gelungen und phantasieanregend

Familien sitzen mit Kind und Kegel da, und ich traue meinen Augen nicht, sehe um mich herum erwachsene Handwerker-Männer singen und mit­swingen bei: »Trau Dich, trau Dich, auch wenn es danebengeht / Trau Dich, trau Dich, es ist nie zu spät! / Wer’s nicht selber ausprobiert, der wird leichter angeschmiert / Trau Dich, trau Dich, dann haste was kapiert! / Glaub nicht alles, was du hörst, auch wenn Du sie mit Fragen störst (…) Trau Dich, trau Dich, Du bist nicht allein!« Alles sehr gelungen und phantasieanregend.

Nächste Vorstellungen (die nicht ausverkauft sind): 27.2., 28.2., 11 Uhr

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