Pauschalreise 1. Generation – Rezension

6.9.11 / jw / Feuilleton
 
Es begann im Treppenhaus. Die kleine Kammeroper von Alper Maral zum Stück von Aras Ören, »Was will Niyazi«, bildete mitsamt dem Hauptstück »Pauschalreise« den Auftakt des Festivals »Almanci! – 50 Jahre Scheinehe« im Ballhaus Naunynstraße in Berlin-Kreuzberg.
Die Premierengäste saßen still in eben diesem Treppenhaus und lauschten den Klängen getragener türkisch-anatolischer und moderner Klassik, während Ayhan Sönmez mit Anzug, Farbgebung, Augenringen, Blick und Körperhaltung ganz den türkischen Gastarbeiter der ersten Stunde gab. Eine gelungene Interpretation, und ein sehr ernster und schöner Auftakt.

Im Hauptstück des Abends, »Pauschalreise – 1. Generation«, einem Stück der »Akademie der Autodidakten«, erinnert nichts an eine Reise. Statt dessen sitzen die Protagonisten der besagten 1. Generation auf einer Parkbank und bekommen Besuch von ihren Enkeln. Nur die erste Szene spielt »über den Wolken« – da man damals mit dem Flugzeug, gewissermaßen »aus dem Himmel« über Deutschland kam, während die Träume und Sehnsüchte in den Wolken hängenblieben.

Auf diese Szene folgte eine »Haushaltsbefragung«, bei der sich eine Rapperin in die Wohnung einer älteren türkischen Frau unter einem Vorwand einzuschleichen versucht; tatsächlich wurde sie von einer Heuschreckenfirma geschickt, um den Marktwert der Wohnung zu schätzen. Dieser sozialkritische Gedanke war gut, wurde aber leider nur kurz angeschnitten.

Die vier älteren Protagonisten: Sema Poyraz, Filmschauspielerin aus Zonguldak; Idil Lacin, Sozialarbeiterin aus Kreuzberg; Serpil Simsek Bierschwale, seit 1971 Schauspielerin; und Nuri Sezer, Drehbuchautor, Produzent, Schauspieler, waren überaus vortrefflich in Ausdruck und Spiel. Sie brachten es fertig, typisiert, konzentriert, exakt und humorvoll ihre Rollen der »Alten auf der Bank« zu geben. Was hätte man mit ihnen nicht alles anstellen können!

Die anderen Schauspieler allerdings schrien leider zu viel; zu kreischig gaben sie ihre Rollen, das sollte vielleicht so sein. Aber vieles war unmotiviert, nicht nachvollziehbar. Daß die junge, aufstrebende Ärztin die ältere Generation vor allem uncool findet und darüber in Tränen ausbricht, daß die meisten Türken zwar hübsche Bettdecken, aber »völlig schrottige Matratzen« besitzen, war ebensowenig nachvollziehbar, wie kaum klar wurde, warum die Übersetzerin zwischen ihr und dem älteren Mann so exaltiert und gewollt kindlich, aber leider dabei sich selbst veralbernd, spielte.

Der Hauptteil des Stücks behandelte das Drama des vernachlässigten Kindes. Ein Junge wurde erst den Großeltern überlassen, da die Eltern bald in die Türkei zurückkehren wollten, was dann aber nie geschah. Die Sehnsucht des Kindes nach der Mutter blieb somit eine unerfüllte; die Liebe des Kindes zur Mutter vergeblich und gestört. Als er schließlich doch wieder aufgenommen wurde, war es zu spät – und der inzwischen herangereifte Junge bereits schwerwiegend gestört.

Diese an sich hochdramatische Situation wurde aber weder naturalistisch noch realistisch gegeben; das Drama schien wie eine Nebensächlichkeit, wurde von der Dramaturgie heruntergespielt und doch in die Länge gezogen. Das Drama des zurückgelassenen Kindes, die Enttäuschung der Eltern, die für schnelles Geld gekommen waren und die erhoffte Rückkehr in die Heimat nie mehr zu schaffen scheinen – dieser Stoff wird noch mehrmals gedreht und gewendet werden müssen, bevor er als großes Theaterstück Eingang in die deutsch-türkische Kultur findet.

Es war ein Anfang, ein Funke, aber die Enttäuschung vieler im Saal war spürbar, es war ein schwaches Stück, das Ballhaus kann es anders, und das lag nicht an den Laien, die mitspielten. Zu wenig dramaturgische Straffung, zu wenig Gesellschaftsbezug, zu viel Beliebigkeit, zu viel Albernheit, zu viele Schwächen im Text. Schade.

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